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Die Realität des Spitzensportmilieus am Beispiel des Radsports und des Festinaskandals 1998
Artikel von Andreas Singler / Gerhard Treutlein "Doping - von der Analyse zur Prävention"
Im nachfolgenden Kapitel über die „Realität des Spitzensports" sollen Dopingentwicklungen und –verstrickungen sehr konkret dargestellt und damit ein Zwischenschritt hin zum Kapitel „Prävention" geleistet werden. Vor dem Hintergrund der schon zuvor geleisteten Analysen sprechen die Fakten für sich, so dass interessierte Leser die entsprechenden radspezifischen Analysen und Schlussfolgerungen weitgehend selbst leisten können.
Warum wählen wir gerade den Radsport und den Festina-Skandal? In keiner anderen Sportart wurden sowohl über Jahrzehnte weg als auch bei einer einzigen Sportveranstaltung so viele Fakten und Äußerungen bekannt wie zum Radsport; hier ist die offen gelegte „Spitze des Eisbergs" besonders breit. Die Ereignisse bei der Tour de France stellen kein einmaliges deviantes Verhalten eines einzelnen Fahrers oder Teams dar; sie sind zudem zu sehen vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Entwicklungen. Zum anderen ist der Radrennsport in besonderer Weise anfällig für Doping: Die Figur des leidenden Helden, der vor einer imposanten Landschaft Übernatürliches leistet (vor allem im Gebirge), schafft insbesondere bei langen, kräftezehrenden Rundfahrten und hier ganz besonders bei der Tour de France einen Heldentypus, der von einer breiten Öffentlichkeit bewundert wird. Diese Bewunderung erzeugte bei den Sportlern offenbar das Selbstverständnis, außerhalb der Gesetze zu stehen. Sie glaubten, dass für Sporthelden andere Regeln gelten als für "Normalsterbliche". Offenbar trägt zudem auch manch besonders spektakulärer Todesfall zum Mythos des Radsports bei.
Bei der Tour de France 1998 verliefen die Dinge jedoch anders als sonst. Der Staat kümmerte sich nicht mehr um die ungeschriebenen Gesetze der Radsport-„Familie", schonungslos wurden deren Geheimnisse offen gelegt. Es entwickelte sich ein Skandal, der den Radsport und über ihn hinaus den ganzen Weltsport erschüttert hat. Dass es einige Tage dauerte, bevor die dopenden Sportler, ihre Betreuer und Teamchefs bemerkten, was da auf sie zukam, ermöglichte es der Öffentlichkeit, all jene gängigen Ausreden, Beschwichtigungen und Techniken der Neutralisierung aufmerksam zu studieren, die beim Doping gemeinhin zur Anwendung kommen. Insofern war die Tour '98 ein Lehrstück.
Nicht nur im Radsport gelten die Bemerkungen des Festina-Masseurs Willy Voet: „Abus ou pas, Fessentiel etait toujours de ne pas se faire coincer aux contròles - Missbrauch oder nicht, das Wichtigste war immer, sich bei Dopingkontrollen nicht erwischen zu lassen" (VOET 1999, 139). Dadurch, dass sich fast alle dopten, sei Chancengleichheit weitgehend hergestellt worden. Unrechtsbewusstsein konnte bei dopenden Fahrern so kaum entstehen (VOET 1999, 158). Den Anschein des sauberen Sports nach außen zu wahren schien für viele eine wesentlichere Aufgabe zu sein als der Einsatz für einen dopingfreien Sport.
Wie lebte der Spitzensport mit dem alltäglichen Doping, wie wird daraus ein Skandal und wie geht der Sport mit ihm um? Dafür ist der Festina-Skandal während der Tour de France 1998 ein Musterbeispiel. Der Umfang dieses Skandals überraschte alle, weil hier in bis dahin nicht bekannter Weise ein Staat seine Gesetze gegen den Sport zu schützen bereit war. Im Prinzip geschah beim Festina-Skandal nichts anderes als bei früheren Dopingfällen im Radsport: Viele waren gedopt, aber nur die Spitze des Eisbergs wurde sichtbar. Durch das Eingreifen des Staates allerdings waren die Einzelheiten klarer zu erkennen. Das gewachsene Öffentlichkeitsinteresse, die gestiegene ökonomische Bedeutung und nicht zuletzt die nie gänzlich auszuschaltende relative Offenheit demokratischer Gesellschaften sorgen dafür, dass der heutige Spitzensport skandalträchtiger geworden ist.
Der Kampf der Medien um die Aufmerksamkeit des Publikums führte zu vermehrter Skandalberichterstattung. Über Skandalisierung wurde das zuvor verschwiegene und tabuisierte Dopingthema öffentlichkeits- und diskussionsfähig. In geschlossenen Gesellschaften wie der DDR kann Doping kein Skandalthema sein, da hier Geheimhaltung erzwungen werden kann. Ein solches System kann selbst zum Skandalthema werden, wie die teilweise erbittert geführte Diskussion um die chinesischen Läuferinnen 1993 bei der Leichtathletik-WM in Stuttgart gezeigt hat. Zugeständnisse in der Dopingbekämpfung werden dann möglich, wenn politische Interessen wie eine Olympiabewerbung dies für das politische System und seine Sachwalter des Sports sinnvoll erscheinen lassen.
Skandale ermöglichen es, hinter den Vorhang der Produktionsgeheimnisse spitzensportlicher Leistungen zu schauen. Im Spitzensport halten viele in Doping verwickelte Akteure den mit Geheimhaltung verbundenen psychischen Druck nicht aus und befördern mit Teilinformationen oder „Unter-Vier-Augen-Gesprächen" Gerüchte und Klatsch. Skandalierer wie z.B. investigative Journalisten erwarten Selbstreinigungsreaktionen des Sports (vgl. SMOLTCZYK 1999, 23), die im Spitzensport bisher eher selten sind. Der Ausschluss des Festina Teams trotz fehlender positiver Dopingkontrollen war insofern überraschend und Folge des erzeugten Drucks.
Ähnlich wie bei Spitzenpolitikern, bei denen manchmal ein Gefolgsmann zur Entlastung eines skandalierten Spitzenpolitikers Schuld auf sich nimmt und zurücktritt, könnte es sich bei prominenten Dopingfällen wie dem des Festina-Teams 1998 um eine sehr pragmatische Opferung gehandelt haben, durch die eine viel größere Zahl an tatsächlich bekannten oder zu vermutenden Fällen sowie die Verstrickung höchster sportpolitischer Kreise in das deviante Geschehen und damit ein sehr viel größerer Skandal gleichzeitig vertuscht wurde.
2.1 Zur Anatomie des Dopingskandals
BETTE UND SCHIMANK (1995, 276) halten Skandale für „die Parasiten der Heldenverehrung"; wie diese sind sie zumeist lediglich auf das Individuum fixiert. Die beiden Autoren kritisieren, dass die Medien Dopingskandale als Verfehlungen von Einzelpersonen darstellen, anstatt Strukturen und systemische Verhältnisse zu beleuchten, die solche Skandale erst erzeugen. Dass in der Regel Medienvertretern aus dieser einseitigen Perspektive eine umfassende Analyse des Dopingproblems nicht gelingen kann, liegt dabei auf der Hand. Andererseits ist es auch nicht ihre Aufgabe, das Geschäft einer in der Frage der Dopinganalyse lange Zeit weitgehend versagende Sportwissenschaft mit zu erledigen. Es ist sicher richtig, dass Sportjournalisten soziologische Analysen nicht leisten. Dafür aber sind auch nicht sie, sondern die Soziologen und andere Wissenschaftler zuständig. Dass von deren analytischem Verstand zu wenig an die Öffentlichkeit dringt, könnte auch daran liegen, dass solche Wissenschaftler zu wenig die Öffentlichkeit suchen und nicht deren Sprache sprechen.
Die Darstellung von Dopingskandalen als Fälle individuell abweichenden Verhaltens wird der Komplexität des Dopings zweifellos nicht gerecht. Zugunsten der Journalisten muss allerdings berücksichtigt werden, dass die wichtigste Funktion der Enthüllung von Dopingskandalen in der Enthüllung selbst liegt, denn grundsätzlich „ist zunächst von einer Unwahrscheinlichkeit der Dopingaufdeckung auszugehen" (BETTE/SCHIMANK 1995, 273). Die meisten Dopingskandale der Vergangenheit waren nicht dazu geeignet, künftiges Doping „auszumerzen" und verbreitetes Doping einzuschränken. Teilweise schufen sie sogar die Voraussetzungen für künftige Nichtaufdeckung und künftig verdecktes Doping, denn der aufgedeckte Skandal erhöhte paradoxerweise die Wahrscheinlichkeit der Unwahrscheinlichkeit der Aufdeckung weiterer Fälle. Die statutengemäße Abarbeitung des jeweils vorliegenden Falles bietet dem Sportsystem die Möglichkeit zur Selbstreinigung durch Ausstoß des devianten Mitglieds. Dies wird jedoch der Komplexität des Problems nicht gerecht, stützt nämlich die Einzeltäterhypothese und dient vorwiegend der Selbstentlastung des Systems.
Die Veröffentlichung ist Bedingung des Skandals (NECKEL 1989, 66). Bei gelungener Dekuvrierung wird von einem Dopingfall gesprochen. Der „Fall" besonders prominenter überführter Sportler wird bisweilen zum Skandalthema, doch nicht jeder Fall taugt zum Skandal. Die Zahl der gedopten Athleten ist mit Sicherheit immens höher als die Zahl der so genannten Dopingfälle und noch einmal höher als die Zahl solcher Fälle, die Gegenstand ausgewachsener Skandale werden. Wenn es nicht zum Skandal kommt, sagt dies nichts darüber aus, ob gedopt wird oder nicht. Es gibt Sportarten, die den Medien und deren Konsumenten viel zu uninteressant erscheinen, als dass sich aus etwaigen Dopingfällen ein publicityträchtiges Thema ergeben würde. Dann wiederum gibt es auch Sportarten, deren Dopingbekämpfung so wenig effektiv ist, dass Skandale zumindest über den Weg positiver Dopingbefunde überhaupt nicht entstehen können3. Sowohl das Ausbleiben von Dopingskandalen als auch ihr Auftreten ähneln strukturell der Situation in der Politik:
„Das Fehlen politischer Skandale ist also kein Ausweis der besonderen moralischen Güte des jeweiligen politischen Personals. Im Gegenteil. Eher spricht es für den Gesinnungszwang, der in einer Gesellschaft herrscht, wenn politische Skandale fehlen, für den Mangel an Rollendifferenzierung, an deren Verletzung ein politischer Skandal sich erst entzünden kann, für das Fehlen einer relativen Gewaltfreiheit sozialer Konflikte, durch die ein Konflikttypus wie der politische Skandal erst möglich wird. Wo es den politischen Skandal nicht gibt, dort herrscht – außer Langeweile – bestenfalls nur eines: Gemeinschaft" (NECKEL 1989, 67).
Im relativ geschlossenen System des Spitzensports ist die Aufdeckung von Skandalen durch Personen innerhalb des Systems eher unwahrscheinlich. Dass nur verhältnismäßig wenige skandalwürdige Fälle der Öffentlichkeit bekannt und dadurch zum Skandal werden, verweist zum einen auf die Raffinesse, mit der dopende Sportler und ihre Helfer bei der Geheimhaltung und Vertuschung ihres devianten Verhaltens vorgehen. Andererseits gibt es anscheinend auch nur ein begrenztes Interesse an der Entlarvung aller tatsächlichen Doping-„Sünder". Wenn alle Dopingfälle aufgedeckt und damit die wahren Dimensionen der Abweichung offenbar würden, würde dies zu einer völligen Zerstörung des positiven Bildes, das eine Sportart oder der Sport insgesamt in der Öffentlichkeit abgeben, führen. Deshalb wird ein nicht wieder gutzumachender „Schaden" befürchtet. Diesen „Schaden", der in Wahrheit im Doping und nicht im Wissen um dieses Doping besteht, gilt es häufig auch aus Sicht solcher Personen zu verhindern, die selbst nicht unbedingt positiv zu Dopingmaßnahmen eingestellt sind. In diesem Licht ist die Auflösung der Antidoping-Kommission des italienischen Olympiakomitees CONI im Oktober 2000 zu betrachten, die enormes Wissen um die Dopingpraktiken in Italien produziert hatte, das zudem an die Öffentlichkeit gelangt war (L'Equipe, 27. Oktober 2000). Eine dosierte Freisetzung von Wissen um Doping im Sport ist dagegen unschädlich, ja sogar dem Ansehen des Sports zuträglich, da er auf diese Weise sein Engagement im Kampf gegen die „Seuche" zu dokumentieren vermag:
„Es wäre eine falsche Annahme, abweichendes Verhalten wirke sich auf die Organisation notwendigerweise zerstörerisch aus, es werde vom System günstigerweise gerade noch geduldet oder es sei ein Phänomen, das die sich konform verhaltenden Gruppenmitglieder verhindern oder unmöglich machen wollen. Im Gegenteil, abweichendes Verhalten kann unter Umständen einen positiven Beitrag zum Erfolg und zur Lebensfähigkeit eines sozialen Systems leisten" (GOREN 1970, 19).
Nur Spitzenleistungen von internationalem Format garantieren z. B. in Deutschland den einzelnen Fachverbänden Zuwendungen der öffentlichen Hand oder von Sponsoren. Eine konsequente und erfolgreiche Dopingbekämpfung, die zur Sperre maßgeblicher gedopter Leistungsträger und zum Leistungsrückgang des entsprechenden Verbands führt, würde sich unmittelbar negativ auf die Förderung auswirken und dafür sorgen, dass ein solcher Verband sich selbst schädigt'.
Andererseits befinden sich auch solche Verbandsfunktionäre, die in überzeugender Weise gegen Doping eingestellt sind, selbst in Bezug auf nicht verbotene, aber gezielt zur Leistungssteigerung eingenommene Mittel wie Kreatin in einer schizophrenen Situation: Einerseits diskutieren sie die ethische Fragwürdigkeit der Verwendung solcher Mittel, auf der anderen Seite aber dienen die durch die Mithilfe dubioser Substanzen errungenen Erfolge als Argumentationshilfe bei der Geldbeschaffung. Dies legt, wie auch die folgende soziologische Überlegung, den Schluss nahe, dass, solange die Dopingbekämpfung in den Händen des Sports selbst liegt, eine entscheidende Wende im Kampf gegen Doping nicht zu erwarten ist:
„In der Soziologie ist die Forschung über Skandale vor allem von den Untersuchungen Emile Durkheims über soziale Integration geprägt. Durkheim ging davon aus, dass selbst die asozialsten, amoralischsten und pathologischsten Handlungen (z. B. Mord, Diebstahl, Suizid) letztlich der Integration der Gesellschaft funktional seien. Mit der Überschreitung wird ein – heiliger oder profaner – gemeinsamer Glaube verletzt, und eben diese Verletzung bekräftigt nicht nur diesen Glauben selbst, sondern auch die gesellschaftliche Kollektivität, die ihn aufrechterhält und stützt. Überschreitungen gehören daher für Durkheim nicht nur zur Normalität des täglichen Lebens, sondern sind für die Aufrechterhaltung jeder gesellschaftlichen Ordnung sogar notwendig" (MARKOVITS/SILVERSTEIN 1989, 153).
Bei der Zuschreibung der moralischen Schuld am Skandal unterliegen Beobachter, Betroffene und Teilnehmer am Skandalgeschehen einem Irrtum, wenn derjenige, der den Skandal öffentlich macht, selbst zum Gegenstand moralischer Fragestellungen gemacht wird. So werden mutige Enthüller nicht selten als „Nestbeschmutzer" beschimpft, womit der Verkünder und eben nicht der Urheber der unheilvollen Nachricht abgestraft wird. Medien sind bei der Erzeugung von Skandalen immer häufiger maßgeblich beteiligt. Journalisten deshalb für die skandalösen Inhalte oder gar für die Inszenierung der Skandale selbst verantwortlich zu machen und zu kritisieren, ist in den meisten Fällen sicherlich falsch. Zudem ist die Macht der Medien in der Frage, wie die Öffentlichkeit einen Skandal beurteilt, durchaus begrenzt:
„Die Medien sind heute zwar insofern meist die Urheber des Skandals, als sie für die Visibilität der Verfehlungen sorgen; hinsichtlich der öffentlichen Reaktionen über das Skandalgeschehen können ihnen aber allenfalls Verstärkerfunktionen zukommen. Dies wird allein schon daran deutlich ..., dass die meisten Versuche der Medien, einen politischen Skandal bloß zu inszenieren, scheitern, wenn sie sich nicht auf gleichgerichtete Empfindungen im Publikum schon stützen können" (NECKEL 1989, 69).
Bisweilen wird in alltagsweltlichen Betrachtungen die Behauptung aufgestellt, „die Leute" interessierten sich nicht dafür, ob ein Sportstar gedopt sei oder nicht, und auch nicht dafür, wie sportliche Spitzenleistungen heutzutage zustande kämen. Die Entrüstung der Öffentlichkeit über spektakuläre Dopingskandale zeugt jedoch eher von der gegensätzlichen Annahme.
Wie Dopingskandale gemanagt werden
Die so genannte „Spendenaffaire" hat in Deutschland einer breiten Zuschauerschaft eindrucksvoll vor Augen geführt, wie sich Politiker bei Skandalen zu verhalten pflegen. Auch für Laien wird in einem solchen Fall sichtbar, dass Politiker im Umgang mit Anschuldigungen bestimmte bewusste oder unbewusste Verhaltensstereotypien abrufen, die auch im Spitzensport gängig sind. Personen, die in einen politischen Skandal verwickelt sind, entlarven sich gelegentlich zumindest in den Augen einer kritischer und aufmerksamer gewordenen Öffentlichkeit durch die Verwendung bestimmter Formulierungen und durch die Praktizierung bestimmter Verhaltensweisen mittlerweile beinahe von selbst. Diese können – ebenso wie Handlungen bei Dopingskandalen - in einem „ Sieben-Stufen-Modell" zur Bewältigung von Skandalen nach der Psychologie-Professorin ASTRID SCHÜTZ (Rhein-Neckar-Zeitung, 12./13. Februar 2000) eingeordnet werden. Vieles wird der Leser bei der Lektüre der Dokumentation des Festina-Skandals mit Hilfe dieses Schemas besser einordnen können (Bemerkungen in Klammern durch die Autoren):
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Leugnen („Die Vorwürfe sind unzutreffend")
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Umdeuten („Die Sache hat sich anders abgespielt")
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Bestreiten einer Beteiligung („Damit habe ich doch nichts zu tun")
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Rechtfertigen („Das System ist schuld")
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Abstreiten einer negativen Absicht („Ich wollte Schlimmeres verhindern")
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Relativierung der Bedeutung („Ich habe mir sonst noch nie etwas zu Schulden kommen lassen")
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Eingestehen des Sachverhaltes („Ich habe diesen einen Fehler begangen" )
Dass Personen auf das Verhalten einer tieferen Stufe zurückfallen, wenn die Situation hierfür günstig erscheint, ist häufig zu beobachten. Meist wird nur das zugegeben, was ohnehin gerade von den Medien aufgedeckt wird oder wovon bekannt ist, dass eine Enthüllung unmittelbar bevorsteht.
Ein Beispiel dafür, wie Doping geleugnet wird und wie flankierend dazu Vernebelungsstrategien eingesetzt werden, bot die Reaktion des italienischen 0lympiakomitees CONI nach der Veröffentlichung der Vorwürfe des Wachstumshormonmissbrauchs im italienischen Spitzensport. Der Zeitung „Corriere della Sera" war ein Doping-Report des CONI sowie eine alle Athletennamen beinhaltende Anlage zugespielt worden. Zunächst wurde - kontrafaktisch - vorgebracht, der Report sei gefälscht. „Wir haben überhaupt keine Namen genannt' behauptete Kommissions-Präsident Professor Carlo Bernasconi", zudem wurde Anzeige gegen Unbekannt gestellt (wegen Geheimnisverrats), und auch die betroffenen Sportler wollten Gerichte anrufen, da sie sich als Opfer einer Rufmordkampagne sahen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2000). Gleichzeitig wurden in der „Gazetta dello Sport" massive Angriffe gegen das Kommissionsmitglied Sandro Donati gestartet, der im Lauf der Jahrzehnte durch zu deutlichen Kampf gegen Doping aufgefallen war. Am 26. Oktober erfolgte dann kurzzeitig sogar die Auflösung der Antidoping-Kommission
Ein solches defensives Vorgehen, häufig hinter der Maske „brutalst möglicher Aufklärung", hat seine Entsprechungen in der gesamten Geschichte der Dopingskandale. Es läuft meist nach folgendem Muster ab (Abb. 4): Wird ein dopender Sportler durch eine positive Dopingkontrolle überführt, bestreitet er die Vorwürfe zunächst kategorisch (Bestreiten der Anschuldigungen) B. Dieser erste Schritt fällt meist wenig kreativ aus, da der Sportler noch unter einem schockartigen Zustand leidet und eine ausgeklügelte Verteidigungsstrategie erst entwerfen muss. In einem zweiten Schritt wird dann eine Fremdtätertheorie entworfen, die nicht selten völlig verschiedene und bisweilen sogar einander krass widersprechende Möglichkeiten einer solchen Fremdtäterschaft oder eines Fremdverschulders versammelt. Ziel solcher Aktionen ist das Schüren begründeter Zweifel. Dabei geht es dem überführten Doper weniger darum, die Sportrichter zu überzeugen als das Publikum. Verfängt nämlich die Strategie der Kombination aus Unschuldsbeteuerung und Fremdtätervermutung bei den Sportrichtern nicht, so kann der Sportler doch immerhin beim Publikum einen bleibenden Zweifel an der Richtigkeit seiner Verurteilung säen. Die Angst von Beobachtern (Medien, Publikum, Sponsoren etc.), dass hier womöglich ein Unschuldiger verurteilt worden sein könnte, wächst umso mehr, je länger der Fall zurückliegt und je verschwommener die Faktenlage nur noch zur Kenntnis genommen wird. Dies ermöglicht eine problemlose Rückkehr des gedopten Athleten nach der Sperre, wie dies in der Tat in einem Rechtsstaat auch wünschenswert ist. Ist seine abgebüsste Strafe – etwa durch ein Geständnis – klar auf einen Regelverstoß zurückzuführen, gilt es, den gefallenen und jetzt offensichtlich geläuterten Sportler in die Familie des Sports zu reintegrieren. Geradezu triumphal gerät die Rückkehr des gefallenen Engels, wenn der Athlet erfolgreich Zweifel säen konnte, wobei nicht wichtig ist, ob die Zweifel begründet oder unbegründet sind. Wichtig alleine ist, dass sie erfolgreich in den Köpfen der Zuschauer etabliert werden konnten.
Am offensichtlichsten werden strukturelle Gesetzmäßigkeiten von Dopingskandalen, wenn die Beweislage eindeutig ist. Dies ist in idealer Form dann gegeben, wenn nicht nur ein positives Analyseergebnis vorliegt, sondern zum positiven Befund auch noch ein späteres Geständnis hinzukommt. Besonders geeignet ist das Datenmaterial, wenn zwischen dem positiven Befund und dem Geständnis eine beträchtliche Zeitspanne liegt, weil dann sehr leicht nachvollzogen werden kann, welcher eindeutiger Lügen sich ein überführter Athlet in der Zwischenzeit befleißigte. Der Fall Ben Johnson bot in dieser Hinsicht idealen Anschauungsunterricht, bei dem alle gängigen Muster des Skandalmanagements offenbar wurden, von der Lüge zum Geständnis vor der Kommission des kanadischen Richters Charles Dubin Monate nach dem positiven Befund.
Das mit Abstand am umfangreichsten dokumentierte Skandalgeschehen ergab sich dann während der Tour de France 1998, wo es staatliche Ermittlungen waren, die Erhellendes, Erschreckendes und Ernüchterndes zum offenbar obligatorisch gewordenen Doping im internationalen Radsport bzw. Spitzensport an den Tag brachten. Der Sport mit seinen begrenzten Aufklärungsmöglichkeiten und mit seinem häufig nur begrenzten Aufklärungswillen wäre zu soviel Wahrheitsfindung. alleine sicherlich niemals gekommen. Die im Folgenden angebotene umfangreiche Materialsammlung mit Fakten und Meinungsäußerungen soll zahlreiche theoretische Überlegungen zum Thema Doping belegen helfen. Das typische Verhalten von Akteuren im Spitzensport kann anhand dieses Datenreservoirs ebenso umfangreich dokumentiert werden wie die Verwendung von Neutralisierungstechniken. Diese Dokumentation des größten und umfangreichsten Dopingskandals in der Geschichte des Hochleistungssports ist zugleich die Dokumentation eines bedeutenden Kapitels zur Zeitgeschichte des Sports.
Olympiasieger Massimiliano Rosolino lag ein mehr als achtzigfach erhöhter Blutwert vor (L'Equipe, 27.10.2000).
Wir gehen im Folgenden von der berechtigten Dopinganschuldigung aus. Bei einer ungerechtfertigten Anschuldigung bestreitet der Betroffene seine Täterschaft auf identische Weise (nur eben zurecht), weshalb er dann - fälschlicherweise - ebenso als Lügner eingestuft wird.
2.2 Zur Dopinggeschichte des Radsports
In der Folge führen wir zunächst wesentliche Fakten zur Doping-Geschichte des Radsports an. Daraus wird eine Entwicklung ersichtlich, die zeigt, dass der Festina-Skandal keinen einmaligen Ausnahmefall im Radsport darstellt. In einem zweiten Schritt werden wesentliche Fakten und Äußerungen im Zusammenhang mit dem Festina-Skandal sowie weitere Entwicklungen bis ins Jahr 2000 hinein zusammengetragen. Anschließend werden zusätzliche Analysen unternommen, mit deren Hilfe auch Aussagen für andere Sportarten getroffen werden können. Wir führen die radspezifischen Fakten und Äußerungen sehr ausführlich auf, weil sie zum einen für sich selbst sprechen – d.h., dass Leser sich selbst analytisch und kritisch damit auseinandersetzen können -, zum anderen aber auch als Materialsammlung für die Bearbeitung des Dopingproblems im Zuge präventiver Maßnahmen oder im Rahmen der Ausbildung dienen können.
1896: Der britische Radrennfahrer Arthur Linton gilt als erster Drogentoter der neueren Sportgeschichte.
1949: Tod eines Radsportlers wegen Amphetaminmissbrauch im Krankenhaus von Kapalb (DE MONDENARD 1987, 92).
1956: Der Radsportler A.A. wird im Zustand völliger Verwirrung als Folge von Amphetaminmissbrauch ins psychiatrische Krankenhaus von Montello eingeliefert (DE MONDENARD 1987, 92). Der Radrennfahrer B. wird bei einem Rennen in der Schweiz ins Krankenhaus eingeliefert, fällt wegen des Missbrauchs von mehreren Substanzen (u. a. Amphetamine) in ein Koma und stirbt nach vier Stunden (DE MONDENARD 1987, 92). Der französische Zoll beschlagnahmt Dopingmittel für den besten Bergfahrer, den Luxemburger Charly Gaul.
1960: Tour-Arzt Pierre Dumas entdeckt, dass sich der italienische Meister Gastone Nencini männliche Hormone injiziert. Auf einem schnell einberufenen Treffen der Tourverantwortlichen mit den bei der Tour anwesenden Ärzten werden ethische Aspekte der Sportmedizin diskutiert. Der Tour-Arzt Boncour: „Was wird aus Nencini in fünf, zehn Jahren geworden sein? Einige der verwendeten Medikamente können ihm extrem schaden." Ein anderer Arzt klagt Nencinis Arzt mit folgenden Worten an: „Die von Ihnen verwendeten Drogen sind schädlich und gefährlich. Im Moment hält dies der Fahrer aus, aber sind Sie sicher, dass er nicht in drei oder vier Jahren Opfer der schrecklichen Nebenwirkungen Ihrer Behandlung sein wird?" Dumas sieht künftige Entwicklungen voraus: „Schlimm ist, dass die Doper von nun an Ärzte sind. ... Die neuen Dopingmethoden benutzen männliche Hormone, Anabolika und Kortikoide. Ihre unvernünftige Verwendung bei Gesunden birgt eine schreckliche Gefahr, so verwendet können sie Krebs hervorrufen. Medizin muss prophylaktisch arbeiten und darf keine Todesgefahr provozieren" (DE MONDENARD 1987, 94). Gastone Nencini starb 1980 im Alter von weniger als 50 Jahren an Krebs (DE MONDENARD 1987, 114 f).
Knud Jensen und Jörgen Jörgensen (beide Dänemark) fallen während des Mannschafts-Zeitfahrens bei den Olympischen Spielen in Rom vom Rad. Jensen (23 Jahre) stirbt am Nachmittag im Krankenhaus. Die dänische Mannschaft soll vor dem Start das Aufputschmittel "Ronicol" erhalten haben.
1962: Die Tour-Favoriten Nencini und Junkermann (Deutschland) scheiden wegen einer Lebensmittelvergiftung aus (offizielle Version). Mediziner vermuten die Verwendung von Morphinen. Bei der italienischen Amateurstraßenradmeisterschaft werden erstmals (vorher angekündigte, nicht unter Strafandrohung stehende) Amphetaminkontrollen durchgeführt; von 30 Proben (bei 67 Teilnehmern) sind 46,6 % positiv (DE MONDENARD 1987, 96).
1967: Bei der Tour de France kollabiert der Engländer Tom Simpson beim Anstieg zum Mont Ventoux und stirbt. In seiner Trikottasche werden Röhrchen mit Amphetaminen gefunden. Positiv sind auch die Fahrer Julio Jimenez (Spanien) und Destro Letort (Frankreich). Der fünffache Toursieger Anquetil:
„Ja, ich habe Amphetamine genommen, ich sage dies, um den Nachwuchs zu warnen. Ich habe schon lange damit aufgehört, zumal ich sie nicht für wirksam halte" (DE MONDENARD 1987, 97) ... „Ich ziehe eine Spritze mit Koffein drei Tassen Kaffee vor" (Süddeutsche Zeitung, 18.7.1998).
1969: Tour-Sieger Eddy Merckx soll vom Arzt Lucien Maigre Doping-Mittel erhalten haben. Später wird bekannt, dass Merckx oft Kortison benutzte. Positiv getestet werden bei der Tour Rudi Altig (Deutschland), Joseph Timmermans (Belgien), Henk Nijdam (Holland), Pierre Martignon und Bernard Guyot (Frankreich).
1972: Neun von elf argentinischen Radsportlern werden für die Olympischen Spiele in München wegen Dopings nicht zugelassen.
1976: Die französische Radsporthoffnung Rachel Dard führt aus, dass alle französischen Radprofis dopen und legt ein Anabolika-Rezept des Mannschaftsarztes für ihn vor.
1978: Bei der Tour de France 1978 wird der belgische Spitzenreiter Michel Pollentier bei der Dopingkontrolle bei der Verwendung von Fremdurin ertappt und wundert sich:
„Ich habe doch die Gummiblase mit dem Schlauch stets verwendet und nie Schwierigkeiten dabei gehabt!" (Süddeutsche Zeitung, 25.7.1978).
1979: Nach einer positiven Doping-Probe erklärt der Holländer Joop Zoetemelk: „Ich habe in der Tat in den Alpen ein Aufbaumittel genommen, Nortestosteron, auf Verschreibung meines Hausarztes Dr. Fucs" (DE MONDENARD 1987, 132).
1980: Der fünfmalige Toursieger Hinault gibt wegen Knieproblemen auf (vermutlich wegen Kortison-Missbrauch). Dietrich Thurau wird nach der dritten positiven Probe der Saison aus dem Rennen genommen. Der Kölner Laborleiter Manfred Donike wirft der UCI unseriöse Kontrollen vor (keine Bestrafung bei Positiv-Proben, Streichen von Kontroll-Ergebnissen, inkompetente Kontrolllabors, Manipulation bei Kontrollen, fehlende Doping-Kontrollen bei Sechs-Tage-Rennen wegen der Weigerung der UCI).
1983: Einer der Vorreiter des Anabolikadopings im Radsport seit Beginn der 60er Jahre, Dr. Josef Assenmacher: "Ohne Hilfe von Anabolika und Hormonen ist das heutige Radsport-Programm nicht zu meistem."'
1985: Don Müller (Generalsekretär des NOK der USA) gibt zu, dass sich die bei den Olympischen Spielen erfolgreichen Radsportler zuvor Blut-Doping unterzogen hatten. Nach Ansicht des NOK der USA sind die Fahrer nicht verantwortlich; der polnische Trainer Eddy Borysewicz wird für 30 Tage ohne Bezahlung suspendiert.
1987: Thurau wird von seiner letzten Tour wegen Anabolika-Dopings ausgeschlossen.
1988: Bei der Tour de France gibt es 18 Doping-Fälle. Beim Spanier Delgado werden Mittel zur Dopingverschleierung festgestellt (u.a. Provenocid); er gewinnt die Tour, 15 Tage später werden die von ihm verwendeten Mittel, die nur auf der Dopingliste des IOC standen, auch vom Weltradverband UCI verboten. Roger Legeay (Team-Chef bei Z-Peugeot): "Seit 20 Jahren ist die Praxis der Kontrollen undurchsichtig."" Legeay war 1974 selbst bei einer Dopingkontrolle mit Amphetaminen positiv getestet worden (GUILLON/QUENET 2000, 60). Beim Verhör durch die Polizei am 29.3. und 1.4.1999 behauptet er, sich nie gedopt zu haben (GUILLON/QUENET 1999, 59 f). Rätselhafte Todesfälle im gleichen Jahr: Glaser (Österreich), Meijer (Holland) (Radsport, 34,1988, 7).
1989: Didier Garcia (Frankreich): „Ich habe mich gedopt wie die anderen auch, mit Kortison, Amphetaminen. Als Profi entkommst Du dem Doping nicht." Todesfälle: Gerd Oosterbosch (Belgien, Radsport 8,1989), A. Brinkmann (Deutschland, Radsport 7, 1989, 7), Johannes Draaijer (27 Jahre, Holland, Tour 5, 1990, 172).
1990: In einem brisanten Buch enthüllt der irische Radprofi Paul Kimmage Doping-Praktiken im Radsport. Bei einem Kongress in Bozen gesteht der Stundenweltrekordler Francesco Moser, er habe Dopingmittel nur genommen, wenn er sich sicher gewesen sei, dass es nach dem Rennen keine Kontrollen gebe. Für bei Kontrollen positive Profis, die die Schuld auf Ärzte und andere abzuwälzen versuchten, habe er nur ein müdes Lächeln übrig. Bis 1980 sei bei Kontrollen außerdem gar nicht nach anabolen Steroiden und Kortison gesucht worden (Süddeutsche Zeitung, 29.10.1990).
Beginn einer neuen Zeit: EPO und andere neue Medikamente
Anfang der 90er Jahre: Tod von möglicherweise fast 30 belgischen und holländischen Profis und Amateuren, wahrscheinlich als Folge „unsachgemäßer" EPO-Verwendung und -Dosierung. Über den Tod Draaijers und weiterer 17 Holländer und Belgier wird in der "Tour" (6, 1994, 156 – 157) berichtet.
1991: Das komplette PDM-Team mit den Deutschen Falk Boden und Uwe Raab wird wegen Lebensmittelvergiftung von der Tour de France zurückgezogen. Fünf Jahre später gibt Raab zu, dass die Ursache ein unsachgemäß gelagertes Doping-Präparat war (möglicherweise nicht ausreichend gekühltes EPO). Uwe Messerschmidt (Deutschland) erleidet eine Thrombose (Tour 9, 1991, 136). Nach Festina-Masseur Willy Voet nahmen die holländischen Festina-Fahrer EPO seit 1991, die anderen auf Betreiben des Arztes seit 1992 (VOET 1999, 151).
1994: Im Auftrag des italienischen Sportbundes CONI bewegt Sandro Donati mit der Zusicherung von Anonymität sieben Mediziner und 21 Radrennfahrer zu präzisen Aussagen (Donati-Report „Dopingpraktiken im Radrennfahren"). Nach dem sollen ca. 80 % der Radprofis gedopt sein. Donati macht den Conconi-Schüler Michele Ferrari als Zentrum des EPO-Dopings aus. Bezeichnend die Reaktion des UCI-Präsidenten Verbruggen nach Veröffentlichung von Einzelheiten des Donati-Reports in der „L'Equipe" über zwei Jahre später: „Hein Verbruggen findet das alles feige" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.1.1997), und zwar die Verletzung des Geheimnisses, nicht das Doping. Der Conconi-Schüler Michele Ferrari erklärt nach dem Erfolg des "Gewiss"-Teams mit Argentin, Furlan und Berzin beim Flèche Wallonne" in Belgien, EPO sei nicht gefährlicher als Orangensaft (GUILLON/QUENET 2000, 159).
1995: Der französische Mit-Initiator des "suivi niMcal longitudinal" (medizinische Langzeitbetreuung) Gèrard Dine antwortet auf die Frage, seit wann er von EPO-Missbrauch wisse: "Seit 1995. Aber leider gab es keine Beweise. Wir fanden damals bei Sportlern Hämatokritwerte von über 60. Derartige Werte deuten normalerweise auf Krankheiten wie Polyglobulie (eine abnorme Vermehrung der roten Blutkörperchen) hin, allerdings in der Regel bei älteren Menschen. Bei einem 25-jährigen, gesunden Sportler weist ein solcher Wert auf die Einnahme von EPO hin." Nach Willy VOET wurden seit 1995 Wachstumshormone bei Festina eingesetzt (VoET 1999, 155), ebenso Clenbuterol (VOET 1999, 160) und Kreatin, letzteres in Kombination mit Nandrolon (VOET 1999, 163). Nach einem Unfall wird im Krankenhaus bei Marco Pantani ein Hämatokritwert von 60 % gemessen, wenige Tage später nur alarmierende 16 % (GUILLON/QUENET 2000, 156). Pantanis Anwälte führen den überhöhten Wert auf Dehydrierung, den Unfall-Schock, ungenaue Analysen und den Höheneffekt bei der Teilnahme Pantanis an der Rad-Weltmeisterschaft in Kolumbien zurück. Experten weisen darauf hin, dass diese Faktoren den Hämatokritwert höchstens auf 48 oder 49 % steigen lassen können, nicht aber auf 60,1 % (Liberation, 25.10.2000).
1996: Willy VOET zur Tour-Vorbereitung 1996: „Einige französische und schweizerische Fahrer (der Festina-Equipe) haben 1996 nicht an den nationalen Meisterschaften teilgenommen. Sie befanden sich Ende Juni mitten in ih rer Clenbuterol-Kur ... Unsere Ausrede: Ein kollektiver Virus, der uns so kurz vor der Tour de France große Sorgen bereite, wie die Presse zu berichten wusste" (VOET 1999, 162). Bei der Tour de France 1996 hatten die FestinaFahrer bei der Etappe nach Hautecam Hämatokritwerte bis zu 54, kamen aber mit Team-Telekom-Fahrer Bjarne Riis nicht mit (VoET 1999, 164). 1996 wurde erstmals IGF 1 angewendet (VOET 1999, 176).
1997: Der Usbeke Dschamolidin Abduschaparow wird wegen Missbrauchs von Clenbuterol und Bromantan ausgeschlossen. Im Vorfeld war er mehrfach positiv und wurde nur verwarnt. Bei dem am 1. Januar 1997 eingeführten Bluttest der UCI wird als erster der Italiener Claudio Chiapucci auffällig. Der deutsche Radprofi Jörg Paffrath gibt im "Spiegel" zu, dass er sich vier Jahre lang gedopt hat (Anabolika, Erythropoetin, Koffein usw., - „Der Spiegel" 25/1997, 122 - 125). Der deutsche Radsportverband schließt ihn aus und auferlegt ihm die Kosten des Verfahrens. Beim Giro d'Italia durchsucht die Polizei das Mannschaftshotel von MG-Technogym und findet Dopingmittel. Das Verfahren wird eingestellt, nachdem der Sportdirektor Giancarlo Ferretti erklärte, bei den Dopingmitteln handele sich um seinen persönlichen Bedarf zur Steigerung seiner sexuellen Leistungsfähigkeit. Erwan Mentheour (Frankreich, Fahrer des Teams „La Francaise des Jeux") wird seine Lizenz für 14 Tage wegen eines zu hohen Hämatokritwerts entzogen. Mentheour direkt danach: „Ich habe nicht betrogen ... Ich hatte am Tag vor dem Zeitfahren Durchfall und war völlig entwässert. Das ist die einzige konkrete medizinische Erklärung, die es gibt." Nach der Bekanntgabe der Suspendierung lässt Mentheour eine Blutprobe entnehmen, der Hämatokritwert lag dann bei 46,6 %. „Die Entscheidung der Rennkommissionare fügt mir enormen sportlichen und moralischen Schaden zu" (L'Equipe, 12.3.1997). Bei der Tour de France 1997 verwenden in der ersten Tour-Woche 50 %, ab der zweiten fast 80 % der Fahrer Kortikoide mit ärztlichem Attest (Sport et Vie, 62, 2000, 62).
1998: Mentheour nach Beendigung seiner Profikarriere im Alter von 24 Jahren: „Zwei Jahre lang habe ich EPO und andere Substanzen verwendet. ... Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich wusste, was ich tat. ... Für den Rad-Profi ist die Alternative einfach. Wenn du nichts nimmst, kannst du mit den Besten nicht mithalten. Wenn du mit den Besten mithalten willst, musst du dich dopen. Wenn du nicht funktionierst, erhältst du eine erste Verwarnung. Wenn sich nichts ändert, eine zweite. Und bei der dritten wird dein Vertrag nicht erneuert. ... In diesem Milieu wird jeder Jugendliche mit etwas Erfolg über kurz oder lang mit dem Dopingproblem konfrontiert. ... Das haben weder Roussel noch Festina verdient, ... man macht aus ihnen Sündenböcke. Jeder weiß, was sich im Radsport abspielt, nicht erst seit der Verhaftung von Willy Voet" (Le Monde, 18.7.1998). In einer Artikelserie im Januar 1997 hatte „L'Equipe" das Dopingproblem im Radsport behandelt. Die Reaktion des Präsidenten der UCI, Hein Verbruggen, war damals, da hätten sich verbitterte Profis oder Fahrer am Ende ihrer Karriere gerächt. 1998 verweist Verbruggen auf eine angebliche Vorreiterrolle der UCI bei der Dopingbekämpfung, sein Verband sei der erste gewesen, der Antidopingkontrollen und zusammen mit dem Skiverband als erster auch Blutanalysen eingeführt habe (L'Equipe, 24.7.1998). Der Belgier Eddy Plankaert (Gewinner des Grünen Trikots 1988) gibt die Einnahme von EPO zu: „Ich habe EPO erst 1991 genommen ... Obwohl es viele gute andere Mittel gibt, ist EPO in der Tat ein phantastisches Mittel. ... Ich habe es benutzt, als ich älter wurde und meine Kondition nicht mehr die allerbeste war. Durch EPO verspürte ich noch mal eine Leistungssteigerung von etwa 12 bis 15 %. Wenn man EPO auf dem Höhepunkt seiner Karriere nimmt, wirkt es bestimmt wundervoll. ...Heute arbeitet doch fast jeder Profi mit EPO und sie sind damit auch alle besser geworden" (Sport-Bild, 5.8.1998).
Der Radsportjournalist Ralf Meutgens analysierte die Berichterstattung der Zeitschriften "Radsport" und "Tour" zu Doping und Todesfällen (ergänzt um Wissen aus Insiderinformationen), sein Fazit:
„Faktisch auffällig sind zwei besondere Kennzeichen: die breite Streuung der positiven Proben über alle Radsport-Kategorien (Bahn, Strasse, Cross, MTB, Profi und Amateure) und Nationen (Europa, Nord- und Südamerika) lässt Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit Radrennsport zu.
Die Vielfalt der verwendeten, nachgewiesenen oder zugegebenen Mittel ist "beeindruckend": Amphetamin, andere Stimulantien, Kokain, Testosteron, Nandrolon, andere Anabolika, Stanozolol, Intralipide, Opiate, Clostebolmetabolit 50, Ephedrin, Koffein, Salbutamol, Kortison, PFC, EPO, Wachstumshormone und Kortison."
Der Radsport scheint für Experimente jeglicher Art prädestiniert zu sein, z.B. für
„den Einsatz seltener Medikamente wie etwa Vorstufen von Wachstumshormonen oder Multi-Corticoide, oder den Einsatz von temporären externen Herzschrittmachern für die Ruhephase zu Zeiten, als es noch keine Hämatokritbegrenzung gab und die Gefahr eines Herzstillstandes durch EPO enorm hoch war, oder der Einsatz von peripheren cardialen Vasodilatoren wie Nitrolingual, die als transdermales Pflaster oder in Pillenform für die nötige Schnelligkeit in den letzten 15 Minuten sorgen sollen ... bei den beiden Medikamenten (Namen der Medikamente) 12 müssten bei einem .... Fahrer (Name der großen Mannschaft den Verfassern bekannt) die Ohren klingeln" (E-Mail Ralf MEUTGENS VOM 14.4.2000).
Hinzu kommt der „Hang zu Bypässen, speziell im Beckenbereich, um frühzeitig verschlossene Arterien zu ersetzen" (Deutschlandfunk, 16.10.1999). Die geringe Hemmung vor dem Missbrauch vieler Medikamente erklärt wahrschein lich auch, warum bei den ehemaligen Radprofis ein hohes Suchtverhalten zu verzeichnen ist: „Exzessiver Alkohol- und Nikotingenuss, Drogenmissbrauch und psychiatrische Behandlungen sind keine Ausnahmen" (Deutschlandfunk, 16.10.1999). Sportler der zweiten Reihe, die keine unangekündigten Dopingkontrollen befürchten müssen, sind wahrscheinlich mehr gefährdet als die Spitzensportler.
In einer Studie zur Mortalitätsrate aller deutschen Tour-de-France-Teilnehmer seit 1955 waren von 79 erfassten Radprofis „nur" fünf im Alter von 49 bis 62 Jahren gestorben:
„Weit höher ist diese Zahl unter denen, die nicht an internationalen Wettkämpfen teilgenommen haben und somit keine regelmäßigen Dopingkontrollen befürchten mussten. Daran erinnert sich auch Hans Michalsky, der ... zweimal an Olympischen Spielen teilnahm: ,Wir wurden jedoch damals schon sehr oft kontrolliert, aber Leute, die in der zweiten Reihe standen, die mehr die regionalen Rundstreckenrennen fuhren, waren weitaus gefährdeter. Von denen kenne ich viele Fälle, die heute schon nicht mehr leben, etliche, die entweder durchgedreht sind, oder rauschgiftsüchtig sind oder alkoholsüchtig." (Deutschlandfunk, 16.10.2000).
Nach Meinung des langjährigen betreuenden Arztes des Radsportverbands Nordrhein-Westfalen, Dr. Gustav Ratken, ist die Dopingmentalität im Radsport aggressiver als in anderen Sportarten, Radsportler seien ausgeprägter hinter Medikamenten her. Die Dopingmentalität wird auch von Generation zu Generation weitergegeben. Der Radsport-Insider Dieter Quarz:
„Ehemalige Profis oder Radsportler ... werden nach ihrer sportlichen Karriere in Funktionsträgerpositionen des Radsports reintegriert. Damit natürlich auch ihr Wissen um pharmakologische Manipulationen, die sae zum Teil selber benutzt haben. So entsteht ein Kreislaufsystem, das nicht unbedingt dazu fährt, dass sich etwas an der Dopingmentalität im Radsport ändert" (Deutschlandfunk, 16.10.1999).
Auf jeden Fall ist der Radsport im Lauf der Jahrzehnte zu einem Milieu geworden, das von Lüge und Betrug geprägt wird:
„Solange es noch Radsport-Funktionäre gibt, die nach eigenem Bekunden ,`vom Ausmaß des Dopings doch überrascht waren', sich aber zum Teil aus ehemaligen erfolgreichen Radsportlern rekrutieren, wird Doping im Radsport noch lange nicht Geschichte sein." (Deutschlandfunk, 16.10.2000).
Insofern war die Tour de France 1998 ein Ereignis, das in keiner Weise aus dem Rahmen fiel. Neu waren das Eingreifen des Staates, durch das wesentlich mehr von dem offen gelegt wurde, was sich wirklich im Radsport abspielt, und das überaus große Interesse der Medien. Nicht neu war, dass alle Dopingproben negativ ausfielen.
2.3 Die Tour de France 1998 und der Festina-Skandal
Wieso konnte sich angesichts einer solchen Vielzahl von skandalträchtigen Dopingfällen im Radsport aus der Festnahme des Festina-Pflegers Willy Voet ein besonderer Skandal entwickeln? Zum einen scheiterte der Versuch, die Angelegenheit mit individueller Deviant Willy Voets zu erklären; zum anderen konnte das Problem nicht durch Aussprechen einer symbolischen, auf eine Einzelperson beschränkten Sperre gelöst werden. Darüber hinaus hielt das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Skandal über Wochen hinweg an, wohl dadurch bedingt, dass die Verhaftung eines Betreuers auf systematisches Teamdoping hinwies – mithin also auf eine neue Qualität in nachweisbaren Dopingfällen im Radsport. Für analytische Zwecke eignet sich der Festina-Skandal durch seine lange Dauer, in der frühere Aussagen und spätere Geständnisse häufig in krassem Missverhältnis standen und beispielhaft die Techniken der Verschleierung vor Augen führten.
Die interessierte Öffentlichkeit wurde durch das Engagement von Polizei und Staatsanwaltschaft jeden Tag mit neuen Fakten konfrontiert, was die Verschleierungsversuche durch Fahrer, Ärzte oder Funktionäre jeden Tag aufs Neue konterkarierte. Es wurde deutlich erkennbar, dass das Doping-Kontrollsystem des Radsportverbands wenig oder nichts bewirkte und dass eine ganze Sportart nahezu in einem kollektiven Betrug vereint war. In Frankreich, einem Land, in dem die Tour de France seit vielen Jahrzehnten das sportliche Top-Ereignis darstellt und die Berichterstattung über lange Zeit im Wesentlichen über den Tour-Veranstalter, die Verlagsgesellschaft der Sporttageszeitung „L'Equipe" abgedeckt wurde, widmeten nun viele Tageszeitungen dem Festina-Skandal täglich bis zu mehreren Seiten. Damit war es leicht, die einzelnen Stufen des Skandals zu beobachten. Erstmals war im Spitzensport so etwas wie das Zusammenbrechen langjährig erfolgreich eingeübter Verteidigungsstrategien festzustellen. Auf bemerkenswerte Weise unterliefen den Radsportlern „taktische" Fehler im Umgang mit der Öffentlichkeit, und dies schloss merkwürdigerweise auch solche Sportler mit ein, die selbst überhaupt nicht unter konkretem Dopingverdacht standen. Während ungedopte Sportler meist eher Empörung über das Doping der Konkurrenz an den Tag legen, beeindruckten z. B. Telekomfahrer wie Jan Ullrich oder Bjarne Riis durch die Empörung über die Diskussion über Doping oder auch über die Art der Behandlung verdächtiger Personen durch staatliche Ermittler. Die Radsportler wirkten angesichts der Erkenntnis, als Sportart nicht mehr außerhalb der Gesetze zu stehen, schockiert.
Deutlich waren Versuche, den durch den Skandal verursachten Schaden für die anderen Mannschaften, für den Radsport und dann aber auch für den Spitzensport unter Anwendung aller gängigen Techniken der Neutralisierung zu begrenzen. Es wurde versucht, Informationen lächerlich zu machen, als falsch zu erklären (z.B. durch den Freiburger Prof. Joseph Keul, der Anabolika-Missbrauch im Radsport wegen einer behaupteten Nachweisbarkeit aller Anabolika als absurd bezeichnete) oder eigene Ahnungslosigkeit zu demonstrieren (z.B. durch den Telekom-Teamarzt Heinrich am 12.7. mit seiner Behauptung, die bei Voet gefundene Menge EPO würde für die Doping-Versorgung mehrerer Mannschaften reichen). Der „unbekannte Dritte" (Saboteur) wurde ins Spiel gebracht. Durch die Polizei gefundene Medikamente wurden als „Eigenbedarf des durch die Doping-Regeln nicht betroffenen Sportlerumfelds ausgegeben (z.B. durch Willy Voet oder am 31.7. durch den spanischen Mannschaftsarzt Terrados). Das Verzögern von Konsequenzen durch die Radsport-Verantwortlichen und die Organisatoren der Tour wurde mit unzureichender Information begründet. Die Überbringer der negativen Botschaft, die Medien, wurden zu „Totengräbern des Radsports" erklärt (z. B. durch Richard Virenque am 16.7. oder Bjarne Riis am 26.7.), hilflose Versuche, die Medien zur Beschränkung auf das „Wesentliche" - den Wettkampf selbst - zu veranlassen, folgten nach (z. B. durch Jan Ullrich am 23.7.). Doping-Gegnern wurde Profilierungssüchtigkeit auf Kosten des Renommier-Ereignisses unterstellt (z. B. durch den ehemalige Radprofi und TV-Kommentator Rudi Altig am 29.7.)
Heftige Kritik am Vorgehen der französischen Polizei gegen die verehrten Helden und ihre Behandlung wie normale Staatsbürger wurden begleitet vom zaghaften Versuch z. B. des französischen Radsport-Präsidenten Baal am 31.7., auf die Autonomie des Sports und dessen Selbstreinigungskraft hinzuweisen. Schon einem Erpressungsversuch gleich kam der Bummelstreik der Fahrer oder das Ausscheiden spanischer Mannschaften am 29.7., das mit einer antifranzösischen Kampagne verbunden wurde. Dem französischen Staat sollte damit verdeutlicht werden, dass durch sein Eingreifen die Tour ruiniert werden könnte und dass mit der Spanienrundfahrt „Vuelta" ein Ersatzereignis zur Verfügung stehe. Internationale Spitzensportakteure wie der IOC-Präsident Samaranch drückten ihre Unterstützung für Radsport-Funktionäre wie den UCI-Präsidenten Verbruggen aus und wiesen auf die „Vorreiter-Rolle" des Radsports bei der Doping-Bekämpfung hin.
Die Hauptakteure des Festina-Skandals
Folgende Akteure bestimmten vor allem die Tour de France 1998: Das Festina-Team mit Willy Voet (Pfleger und Medikamententransporteur); Bruno Roussel (Sportdirektor), Eric Ryckaert (belgischer Mannschaftsarzt und in Belgien in einen Abrechnungsbetrug und EPO-Handel verwickelt) 13 , den Fahrern Richard Virenque (Kapitän), Alex Zülle, Laurent Dufaux, Armin Maier, Laurent Brochard, Christophe Moreau (im Frühjahr 1998 bereits positiv, aber nicht gesperrt), Pascal Herve. Das TVM-Team mit den Sportdirektoren Cees Priem und Hendrik Redant sowie dem Arzt Andrej Michailov. Der Manager des spanischen Teams Banesto, Josè Miquel Echavarri (Antreiber beim Entschluss der spanischen Teams zum Verlassen). Der Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc. Der Präsident des französischen Radverbands und Vizepräsident der UCI, Daniel Baal, der Präsident der UCI, Hein Verbroggen. Der Untersuchungsrichter Patrick Keil in Lille. Marie-George Buffet, französische Ministerin für Jugend und Sport. Und natürlich Staatsanwaltschaften und Polizei.
Von der Lüge zum Teilgeständnis
9.3.199814: Ein Auto mit zwei Mechanikern des TVM-Teams wird in der Nähe von Reims durchsucht, gefunden werden 104 Dosierungen EPO. Die Justiz stellt das Verfahren bald danach ein (Le Monde, 2./3.8. 1998).
8.7.1998: Der Pfleger der Festina-Mannschaft, Willy Voet, wird in Nordfrankreich vom französischen Zoll beim Transport von Dopingsubstanzen verhaftet (mehr als 400 Ampullen EPO, darunter 10 Ampullen Eprex 4000, 139 Ampullen Neo-Recormon 200015, 85 Ampullen Irantip 2000, das Anabolikum Pan- teston, 82 Dosierungen es Wachstumshormons Saizen, der Blutverdünner Hyperlipen und das Kortikoid Synacthen) (GUILLON/QUENET 1999, 23).
9.7.1998: Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc: „In einer Woche, wenn die Tour in den Bergen Leidenschaften weckt, wird niemand mehr von der FestinaAffäre reden" (GUILLON/QUENET 1999, 9).
11.7.1998: Tour-Beginn in Irland. Erst jetzt wird bei den an der Tour teilnehmenden Mannschaften bekannt, dass Voet an der französischen Grenze festgenommen wurde.
Die Festina-Mannschaft behauptet, mit Voet nichts zu tun zu haben. „Wo sollte der sorglose Schmuggler bloß hin - zur Tour de France? 'Absurd', verkündete Teamchef Bruno Roussel, der zunächst auch noch vorgab, weder einen Masseur noch einen Wagen zu vermissen. Mann und Fahrzeug sind aber bei der Tour ordnungsgemäß akkreditiert" (Süddeutsche Zeitung, 20.7.1998). Nach der Verhaftung Voets hatten Roussel und die Mannschaft bei Frau Voet an (VOET 1999, 78). Moreau: „Wir müssen alle bei Rennen zu Dopingkontrollen. Deshalb können wir Medikamente, wie sie Willy Voet transportiert hat, nicht verwenden wir brauchen uns keine Sorgen zu machen. Wir haben ein gutes Gewissen" (GUILLON/QUENET 1999, 38).
12.7.1998: Der Festina-Chef Roussel gibt zu, dass ein Mann seines Teams fehlt, ohne einzugestehen, dass es sich um den in Lille inhaftierten Willy Voet handelt (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.7.1998). Roussel: „Ich bin seit fünf Jahren Manager bei Festina. Nicht umsonst sind wir die Nummer eins in der Welt. Das liegt an unserer starken Struktur, an den Betreuern, den Mechanikern und den Ärzten. Unser Erfolg hat nichts mit Doping zu tun" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.7.1998).
13.7.1998: Der Untersuchungsrichter Patrick Keil in Lille nimmt die Ermittlungen auf.
14.7.1998: Willy Voet sagt bei seiner Vernehmung aus, auf Anweisung von Festina-Offiziellen gehandelt zu haben, und dies nicht zum ersten Mal. Der Masseur hatte zunächst angegeben, die Medikamente seien für seinen Eigenbedarf, aber anschließend gesagt, ein Teil sei auch für das Festina-Team bestimmt.
Tour-Direktor Leblanc: „Ich muss die laufenden Ermittlungen der Polizei respektieren. Erst wenn wir Sicherheit haben, hätten wir das Recht und die Pflicht, entsprechend zu reagieren. Dann wird die Tour die Vorreiterrolle spielen. ... In den Pyrenäen werden in 10 Tagen genauso viele Zuschauer stehen wie immer. Die bewundernswerten Leistungen und die Siege sind stärker als alles andere" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.7.1998). In Lorient wird ein Communique von Roussel verteilt: „M. Bruno Roussel ist erstaunt und beunruhigt über die Veröffentlichung von Informationen aus Kreisen der Justiz durch bestimmte Presseorgane, deren Inhalt nicht nachprüfbar ist" (GUILLON/QUÈNET 1999, 40).
15.7.1998: Roussel und Ryckaert werden vernommen und anschließend festge- nommen. Das Mannschaftshotel von Festina wird von der Polizei durchsucht (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.7. 1998).
„Beim Haupte meiner Kinder schwöre ich, nie Doping verabreicht zu haben" behauptet Festina-Arzt Erik Ryckaert (Neue Zürcher Zeitung, 27.7.1998).
16.7.1998: Teamdirektor Roussel wird vom Weltverband UCI suspendiert und durch den Spanier Miguel Moreno ersetzt.
Sportdirektor Legeay (GAN): „Wir können nicht drei Wochen so weitermachen, das Fest ist verpfuscht. Festina soll Verantwortung übernehmen, ich hätte mich zurückgezogen." (Süddeutsche Zeitung, 17.7.1998). "Auch Richard Virenque zeigt sich höchst ungehalten über die Berichterstattung der Medien. Er verstieg sich sogar dazu, die Medien als Totengräber des Radsports zu bezeichnen. ... 'Von dem, was gesagt und geschrieben wurde, ist vieles, vieles, vieles falsch. Man versucht, auf unsere Kosten ein dramatisches Feuilleton zu schreiben... (Zürcher Tages-Anzeiger, 17.7.1998). Der spanische Uhrenfabrikant Manuel Rodriguez: „`Wir verurteilen Doping generell - nicht nur im Radsport. Wir möchten, dass die französische Justiz Licht in diese Affäre bringt. Aber wir verbitten uns, dass der Radsport im allgemeinen und die Mannschaft Festina im besonderen verunglimpft wird wegen des schlechten Verhaltens einer Einzelperson` (Zürcher Tages-Anzeiger, 17.7.1998). UCIVizepräsident Göhner sieht den Festina-Skandal als schwerste Belastung für den Radsport seit vielen Jahren an, zeigt sich aber optimistisch, dass durch den Einsatz der Polizei „der ganze Augiasstall ausgemistet werden kann" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.7.1998). Der Mapei-Manager Patrick Le-fèvre zur Aussage des Schweizer Arztes Dr. Gremion, 99 % der Fahrer seien gedopt: „Ein frustrierter Arzt ohne Team". Team-Telekom-Arzt Dr. Heinrich: „Eine Quatsch-Aussage" (Süddeutsche Zeitung, 17.7.1998).
Der ehemalige Rennstalleiter von Peugeot, Cyril Guimard, weist darauf hin, dass EPO seit 1994 allgemein verbreitet ist (Süddeutsche Zeitung, 17.7.1998) und verkündet: „Wir sind alle Komplizen" (Tour 9/99, 37).
17.7.1998: Die Tourleitung schließt die Festina-Mannschaft nach dem Geständnis des Festina-Sportdirektors Roussel von der Tour aus. Roussel: „ Es gab eine allgemeine, gemeinsame Aktion zwischen den Fahrern, der Leitung und dem Mediziner der Gruppe zur Versorgung mit Dopingsubstanzen mit dem Ziel, die Leistung zu optimieren und die wilde Einnahme durch die Fahrer zu vermeiden " (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.7. 1998).
„Ich bin sauber" (Alex Zülle nach dem Ausschluss des Festina-Teams, Neue Zürcher Zeitung 27.7.1998). Jan Ullrich: „Ich lese keine Zeitungen und sehe kein Fernsehen. Die Gerüchte kennt man ja, auch über mich. Ich konzentriere mich nur auf das Rennen.' Im übrigen sei die Tour immer noch 'das wichtigste und schönste Rennen der Welt... (Süddeutsche Zeitung 18./19.7.1998). „Sportdirektor Godefroot mag die ungewohnten Fragen auch nicht, das sieht man ihm an. Er wartet, 'was das Gericht entscheidet' und geht bei Festinas Stärke 'davon aus, dass es Talent der Fahrer ist.' ... Richard Virenque: „Die Schuldigen dieser Affäre sind jetzt im Gefängnis. Wir sind dagegen nur Zeugen" (Le Monde, 26.10.2000).
Sport-Ministerin Marie-George Buffet: „Wenn ich höre, um welche Substanzen und Quantitäten es geht, muss ich sagen: Die Dopingkontrollen taugen nichts" (Neue Zürcher Zeitung, 27.7.1998).
18.7.1998: 53 Profis aus sechs Teams werden zur Blutkontrolle gebeten, alle Tests sind negativ. Die Deutsche Telekom will zusätzliche finanzielle Mittel bereitstellen, um den Kampf gegen Doping zu intensivieren.
19.7.1998: Jan Ullrich: „'Das mit Festina ist traurig für die Sportler'. .... Aber er traut sich doch zu sagen, dass der Ausschluss wohl das einzig Richtige gewesen sei, 'wenn das stimmt, was der Sportliche Leiter sagt... (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.7.1998).
20.7.1998: Laurent Fignon (Toursieger 1983 und 1984) in der L'Equipe: „Wir wissen alle, dass gedopt wird, das kann man nicht leugnen. Aber der Radsport hat dies nicht verdient. ... Es ist sehr leicht, auf den Radsport einzudreschen, wenn sich dieser nicht wehrt. ... Meiner Meinung nach hätte die Unschuldsvermutung, von der Jean-Marie Leblanc sprach, eine größere Rolle spielen müssen."
„Walter Godefroot etwa ist mit dem verhafteten Festina-Betreuer Willy Voet seit 20 Jahren befreundet. Telekom und die anderen Teams blieben bisher von den Ermittlern unbehelligt. Und Godefroot sagt, dass sein Team nichts zu befürchten habe: 'Wir sind clean.' Doch in vielen Gesichtern spiegelt sich Angst" (Süddeutsche Zeitung, 20.7.1998).
21.7.1998: Bruno Roussel gesteht, dass die Fahrer unter ärztlicher Aufsicht gedopt wurden und dass bei der Festina-Mannschaft eine schwarze Kasse zum Kauf von Dopingsubstanzen unterhalten wurde. UCI-Präsident Verbruggen und die Sportdirektoren der Rennställe fordern die sofortige Einführung von umfangreicheren Blutkontrollen.
Festina-Arzt Eric Ryckaert: „Ich bin für die Betreuung der Sportler und ihre Gesundheit da. Ich bin gegen Doping. Soll die Justiz ihre Arbeit machen" (Süddeutsche Zeitung, 3.8.1998). Der deutsche Vizepräsident der UCI, Werner Göhner, lehnt Trainingstests ab: „Da die Profis von März bis Oktober ständig Rennen fahren, bringen Trainingskontrollen nichts" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. 7. 1998). „Samaranch zeigte sich auf Anfrage zwar 'sehr überrascht vom Ausmaß der Manipulationen', der Betrug an sich sei im heutigen Hochleistungssport allerdings nichts Neues. Deshalb unterstütze das IOC jede Sportorganisation in ihren Bemühungen gegen Doping, und speziell der Radsport-Weltverband (UCI) arbeite auf diesem Gebiet 'sehr hart und seriös... (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.7.1998).
22.7.1998: Team-Direktor Roussel übernimmt am 21. Juli die volle Verantwortung für die Vorkommnisse in seinem Rennstall. „In diesem Stadium der Affäre, in der Klemme zwischen einerseits dem Gesetz des Schweigens, das niemanden mehr überzeugt, und andererseits den Beleidigungen und Gerüchten, die dazu führen, dass jeder verdächtig erscheint, war es nicht mehr möglich, weiter so zu tun, als ob nichts gewesen sei. Ich habe nicht alles gesehen und nicht alles gewusst, aber als Sportdirektor dieser Mannschaft muss ich die Verantwortung übernehmen: " (Le Monde, 23.7.1998).
Ein Mythos bricht zusammen
23.7.1998: Die Festina-Fahrer werden in Lyon vorübergehend festgenommen und verhört. Sieben Fahrer geben ihr Doping zu, nur Richard Virenque und Pascal Hervè behaupten, möglicherweise ohne ihr Wissen gedopt worden zu sein. In Reims untersucht die Staatsanwaltschaft erneut den Fall der nieder ländischen TVM-Mannschaft, deren Sportdirektor Cees Priem und der Arzt Andrei Michailov verhaftet werden.
Der frühere französische Profi Frederic Pontier (seit 1998 wieder Amateur) gibt zu, dass er sich mit EPO gedopt hat. Er sei von Ärzten überzeugt worden, dass er EPO nehmen müsse. Der Sportdirektor seiner früheren Mannschaft Casino, Vincent Lavenu, zeigt sich von der Beschuldigung Pontiers sehr enttäuscht: „In unserer Mannschaft fahren gesunde, arbeitsfreudige, mutige, begeisterungsfähige und ehrliche Jungen. Genau dies ist die Grundlage unserer Erfolge. Und nichts anderes."
24.7.1998: Die Tour wird von einem Fahrerstreik überschattet. Erst mit zweistündiger Verspätung beginnt die 12. Etappe.
Tour-Direktor Leblanc: „Die Tour muss weitergehen." Jan Ullrich in der ARD: „ ... die Journalisten schreiben nur noch über Doping und nicht mehr über Sport. ... Die Fahrer wollen, dass es um Sport geht und nicht nur um das andere. ... Die Vorfälle der letzten Zeit haben mich sehr traurig gemacht ... Ich bin auch ein bisschen niedergeschlagen, freue mich die ganze Zeit auf die Tour und kann mich gar nicht mehr richtig freuen wegen dieser ganzen Kontrollen." Walter Godefroot in der ARD: „Die Berichterstattung im französischen Fernsehen ist nicht mehr objektiv und journalistisch ... Es geht nicht mehr um das Doping, sondern darum, dass man den Leuten die Mülltonnen leer räumt." Ein Gendarm zum Verhör der Festina-Fahrer: „Sie tun so, als wüssten sie von nichts. ... Das ist oft so in den ersten Stunden der Untersuchungshaft. Die interessanteren Aussagen werden erst etwas später gemacht" (France-Soir, 24.7.1998). Kommunique nach dem Treffen der Mannschaftsärzte am Ruhetag: „Wir können nur für das verantwortlich gemacht werden, was wir selbst machen, nicht für Handlungen anderer Personen"" (L'Equipe, 24.7.1998). Präsident Baal begrüßt das Eingreifen der Polizei, da sie viel mehr Möglichkeiten habe. Der Skandal sei sehr schädlich für das Image der Sportart, aber wenn er bei der endgültigen Lösung der Probleme helfe, werde über das Schlechte das Gute erreicht. Er bezeichnet die Ärzte als Hauptverantwortliche, bei ihnen müsse die Problemlösung beginnen (L'Equipe, 24.7.1998).
25.7.1998: Nach einem Fahrerstreik einigen sich alle Parteien in mehreren „Schlichtungsgesprächen " auf die Fortsetzung des Rennens. Alle Dopingproben seit dem Tour-Start (11.7.) bis zum 21.7. sind negativ (L'Equipe, 25.7.1998). Das Anti-Doping-Budget des französischen Ministeriums für Jugend und Sport soll verdreifacht werden; weitere Präventionsmaßnahmen sollen zusammen mit dem Gesundheitsministerium ergriffen werden (L'Equipe, 25.7.1998).
Der Anwalt von Willy Voet, Bessis, verlangt: „Jetzt müssen die wahren Verantwortlichen angegangen werden. Ich verlange die Anhörung der Sponsoren der Festina-Mannschaft, der Verantwortlichen von France-Television, ... von Jean-Marie Leblanc ... Der Richter Patrick Keil will den Skandal ganz aufklären, lasst uns die Gelegenheit nutzen, die Umstände sind ideal. Marie-George Buffet ist motiviert, Matignon 17 auch. Also eine Konstellation, die sobald nicht wiederkommen wird" (L'Equipe, 25.7.1998). Richard Virenque beklagt sich, dass beim Verhör neun Stunden lang mit ihm umgegangen worden sei wie mit einem Kriminellen, er habe sich noch nie so gedemütigt gefühlt (L'Equipe, 25.7.1998).
Armin Maier: „Ich bin erleichtert, dass ich ausgepackt habe, ... dass ich EPO genommen habe ... Ich fühle mich ein bisschen wie ein Fahrer auf der Autobahn, wo bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80 km alle mit 90 oder 100 km fahren. Bei der Radarkontrolle bin ich dann der einzige, der mit 120 km erwischt wird. ... Innerlich fühle ich mich jetzt besser, selbst wenn ich mich nicht wohl fühle, weil ich die Wahrheit gesagt habe" (L'Equipe, 25.7.1998).
Alex Zülle erklärt gegenüber der Tageszeitung „Blick", dass Drogenkonsum im Profi-Radsport zum Geschäft gehört (Radsport, 4.8.1998).
26.7.1998: Spritzen und verdächtige Substanzen werden in der Nähe eines Hotels entdeckt, in dem vier Mannschaften (GAN, Saeco, Casino, Kelme) übernachtet hatten.
IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch spricht sich für eine radikale Kürzung der Dopingliste aus. „Am Fuße des berüchtigten Ventoux haben die verbliebenen Teilnehmer der 85. Tour de France nämlich verkündet, zum Thema Betrug und Vergiftungsgefahr ab sofort zu schweigen ... Vorgetragen wurde der moralisierende Beschluss von Bjarne Riis, dem Dänen von der Telekom. Die Medien seien 'sehr bösartig', berichtete Riis mit finsterer Miene und dankte demonstrativ den Fans an der Strecke" (Süddeutsche Zeitung, 27.7.1998).
27.7.1998: Peter Becker, Trainer von Jan Ullrich: „Er möchte gesund bleiben und gesunde Kinder haben. Von daher kommt Doping für ihn nicht in Frage. Er ist ein Erziehungsprodukt von mir, und meine Ethik ist: In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist" (Süddeutsche Zeitung, 27.7.1998). Der Festina-Fahrer Armin Maier schätzt, dass wegen EPO mehr als 100 Fahrer gesperrt werden müssten. Alex Zülle: „Ich hatte zwei Möglichkeiten: mich anzupassen oder aufzuhören und zu meinem alten Beruf als Maler zurückzukehren" (Libèration, 27.7.1998).
UCI-Vizepräsident Göhner (Präsident der Antidoping-Kommission der UCI): „Die jüngsten Geständnisse sind so gravierend, dass man kaum mildernde Umstände bemühen kann ... Wir müssen jetzt den Sumpf austrocknen, unabhängig davon, wie viele Personen es betrifft" (Neue Zürcher Zeitung, 27.7.1998). "Warum aber merkt denn in diesem ganzen Durcheinander niemand, dass gerade die einzig wirksame Dopingkontrolle erfunden worden ist, ohne Urin-, Blut- und Haartest? Führt einen neuen Prolog ein! Nehmt den Fahrern das Velo, das Käppi und das Renndress weg. Steckt sie am ersten Tag 24 Stunden in Einzelhaft, mit Live-Übertragung der Befragung durch französische Untersuchungsrichter selbstverständlich. Wer während der Haft kein Geständnis ablegt, der darf die Tour fahren" (Neue Zürcher Zeitung, 27.7.1998).
28.7.1998: Frage an den Festina-Fahrer Laurent Dufaux: „Fühlen Sie sich als Betrüger?" Dufaux: „Ich denke, ich übe meinen Beruf so gut wie möglich aus. Ich betrachte das als erlaubtes Doping. Der Hämatokritgrenzwert liegt bei 50? Also tun wir alles, um drunter zu bleiben" (L'Equipe, 28.7.1998). Geheimes Treffen von Baal und Virenque am Sitz der UCI in Lausanne. Virenque: „Unser Ausschluss aus der Tour de France ist ungerecht. Gedopt wird auch in anderen Mannschaften ... Warum heißt es heute, EPO sei verboten, wo die UCI den Gebrauch doch legalisiert hat. Solange mein Hämatokritwert unter 50 liegt, betrüge ich nicht ... Ohne EPO kann man nicht fahren. Ich habe doch gesehen, wie das am Anfang meiner Profikarriere war... Aber ich habe mich nicht gedopt, das werde ich nicht zugeben" (BAAL 1999, 51 f.).
29.7.1998: Alle Fahrer protestieren mit einem Bummelstreik gegen die Behandlung der TVM-Fahrer durch die Polizei und gegen die dabei durchgeführten Dopingtests, sie starten ohne Startnummern. Die Polizei durchsucht die Quartiere von ONCE, La FranVaise des Jeux und Casino. Das spanische ONCE-Team um den französischen Meister Jalabert verlässt die Tour, die Teams von Banesto und Riso Scotti schließen sich an. Zwei ehemalige Festina-Fahrer werden in Lille verhört, sie bestätigen organisiertes Doping bei Festina. Einer von beiden gibt sein Doping mit EPO zu (L'Equipe, 29.7.1998).
Virenque leugnet nach wie vor alles, gibt aber zu, dass jeder Fahrer ein Gerät zur Bestimmung des Hämatokritwerts besitzt (Le Monde, 29.7.98). Der Anwalt von Virenque macht der Justiz Vorwürfe, weil nur Festina-Fahrer festgenommen wurden (France-Soir, 29.7.1998). Eurosport-Kommentator Rudi Altig: „Ich habe das Gefühl, dass sich Polizei und Justiz in den Vordergrund spielen wollen, weil die Tour sehr öffentlichkeitswirksam ist. ... Mit Apfelsaft alleine kann keiner die Tour fahren." Hagen Boßdorf (ARD) berichtet, dass die Fahrer die Etappe zu Ende fahren werden, wenn der Innenminister bestätige, „dass es solche Übergriffe der Polizei nicht mehr geben werde."
30.7.1998: Auch Kelme und Vitalico ziehen ihre Mannschaften zurück.
"L'Equipe" kritisiert die Vorgehensweise der Polizei: "Plötzlich werden Spitzensportler mit Kriminellen gleichgesetzt, die Zuschauer fangen an, sie als solche zu behandeln. Wahrheit und Gerechtigkeit sind nötig, aber jetzt geht die Justiz zu weit. Es ist in Frankreich schon aus weniger wichtigen Anlässen gestreikt worden. ... Wenn morgen in Frankreich alle, die in Politik, Kunst, Verwaltung etc. verbotene Substanzen benutzen, vernommen werden, dann gibt es in unserem schönen Land bald nur noch Polizisten, Polizeiwachen und Gefängnisse. Und unterdessen ... ist der Präsident des Internationalen Radsportverbands, also der wahre Chef des internationalen Radfahrens, in Ferien" (L'Equipe, 30.7.1998).
31.7.1998: Der beste Bergfahrer, Rodolfo Massi (Casino) und der Arzt Nicolas Terrados-Cepeda (ONCE) wurden am Vortag verhaftet. Im Koffer von Massi wurden Kortikoide, Anabolika und Wachstumshormone gefunden; Massi wird als Dealer behandelt. Andere Fahrer bezeichnen ihn hinter vorgehaltener Hand als „Apotheker", weil er Medikamente an andere Fahrer verkaufe (L'Equipe, 1.8.1998). Massi behauptet, bei den gefundenen Medikamenten handle es sich nur um seinen persönlichen Bedarf (Le Figaro, 1./2.8.1998). Bei der Etappe durch die Schweiz steigt das gesamte TVM-Team aus und reist direkt nach Holland. Die Teamleitung kündigt aber an, am Montag nach dem Tour-Ende dem Untersuchungsrichter in Reims zu Verhören zur Verfügung zu stehen (L'Equipe, 1.8.1998).
Der Mannschaftsarzt von ONCE, Terrados (Mitglied des IOC), rechtfertigt das Mitführen von Dopingmitteln: „Alle verbotenen Substanzen, die wir dabeihaben, sind ausschließlich für unseren Sportdirektor Manolo Saiz bestimmt und auf keinen Fall für die Fahrer. Manolo ist Asthmatiker und Allergiker. Während der Vuelta (Spanienrundfahrt) hatte er im vergangenen Jahr eine so starke Krise, dass er dabei das Bewusstsein verlor" (L'Equipe, 1.8.1998).18 UCI-Vize Daniel Baal kritisiert die französische Polizei, der Radsport könne seine Probleme selbst lösen; er zeigt sich solidarisch mit den Fahrern (Le Monde, 31.7.1998). „L'Equipe" kritisiert die Justiz: „`Wie können wir hinnehmen, dass Alex Zülle, Laurent Brochard oder Richard Virenque wie Bankräuber behandelt, bloßgestellt und gedemütigt werden? ... Die Justiz biete ein `schäbiges Spektakel... (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.7.1998).
2.8.1998: Tour-Finale in Paris auf den Champs-Elyssie. Tour-Sieger wird der Italiener Pantani vor dem Deutschen Ullrich.
Daniel Baal: „Das Reglement sagt zwar klar: Ein Geständnis ist gleichbedeutend mit einer positiven Dopingprobe. Doch offiziell haben wir nichts in der Hand. Und wir können niemanden auf Grund von Zeitungsartikeln bestrafen." Der Schweizer Rennkommissionär Louis Wermelinger (Mitglied der dreiköpfigen schweizerischen Antidopingkommission): „Was sich die französische Justiz hier geleistet hat, ist ein Skandal, eine regelrechte Frechheit. Jetzt müssen wir uns fragen, wollen wir gegen die Schweizer Fahrer eine Strafe aussprechen oder wollen wir das nicht. Ich jedenfalls zweifle, dass es soweit kommt" (Sonntags-Blick, 2.8.1998). Die Festina-Fahrer zeigten sich nach dem Polizei-Verhör und ihren Geständnissen erleichtert. Richter Patrick Keil erfuhr bei den Verhören weit mehr als erhofft. Die Tourteilnehmer seien immer gedopt gewesen, aber seit zwei, drei Jahren schlimmer als je zuvor, da immer mehr und gefährlichere Medikamente mit immer deutlicheren Nebenwirkungen verwendet würden. Die Fahrer müssten nachts aufstehen und sich bewegen, um Thrombosen zu vermeiden (Le Monde, 2./3.8.1998).
3.8.1998: Nach Ansicht eines ehemaligen französischen Profis ereigneten sich die entscheidenden Veränderungen im Radsport Anfang der 90er Jahre, etwa 20 % der Fahrer seien plötzlich ganz anders gewesen: „Man sah Fahrer vor sich, die kein Zeichen von Anstrengung zeigten. Ein Kollege sagte nach einer Bergetappe: 'Sie fahren, praktisch ohne Luft zu holen— (Libèration, 3.8.1998).
„Man behandelt uns wie Vieh" empört sich Jalabert (Marianne Nr. 67, 3.9.8.1998)
4.8.1998: Alle TVM-Fahrer haben vor dem Untersuchungsrichter in Reims identisch ausgesagt, sie hätten nie gedopt. Die Verantwortlichen von TVM bleiben aber weiter in Haft.
Einer der verhörenden Beamten: „Öffentlich hat ihnen ihr Aussteigen drei Tage vor dem Ende der Tour eine Absprache ermöglicht" (Le Monde, 5.8.1998). Der Sportdirektor von ONCE, Manolo Saiz, provoziert eine antifranzösische Kampagne in Spanien: „Die französische Polizei hat die Menschenrechte und die Rechte der Fahrer vergewaltigt." Der Organisator der Spanienrundfahrt Vuelta, Unipublic, „erwägt die Veränderung der Streckenführung der Vuelta, die eigentlich auch über französisches Gebiet führen sollte (L'Equipe, 5.8.1998).
Ex-Profi Eddy Plankaert: „Die französische Justiz und die Polizei sind völlig durchgedreht. Sie haben diesen Sport mitsamt seiner schönsten Rundfahrt innerhalb kürzester Zeit kaputtgemacht" (Sport-Bild, 5.8.1998). Ex-Profi und TV-Experte Tony Romfinger: „Das hätte sich die Polizei nirgendwo anders er laubt. ... Auch ich bin für Dopingkontrollen, aber vernünftige, bitte" (Sport-Bild, 5.8.1998). Der 21jährige französische Nachwuchsfahrer Alain DjouadGuibert (Dopingverweigerer) zur Antidoping-Politik der Funktionäre: „Das sind alles Leute, die aus diesem Milieu hervorgegangen sind. Jedes Mal, wenn ein Fahrer positiv getestet wird, spricht der Verband Strafen aus, die im Winter abgesessen werden, wenn keine Rennen gefahren werden. Gleichzeitig hebt er die Anforderungen bei Rennen immer weiter an und provoziert so den Griff zu unerlaubten Substanzen" (Le Monde, 5.8.1998).
Das „Velo Magazine" des Monats August erläutert Veränderungen des Radsports in den vorhergehenden Jahren: Verzicht auf Höhentraining (wegen EPO nicht mehr nötig), Veränderung der Trainingsmethodik (Bevorzugung der anaeroben Ausdauer und der Kraft zu Lasten der Grundlagenausdauer), sehr definierte Muskulatur (im Gegensatz zur früheren ausdauerverschlankten oder später von Kortikoiden aufgequollenen Muskulatur jetzt ausgeprägte Muskulatur mit wenig Fettanteil), hoher Anteil älterer Spitzenfahrer (wird andeutungsweise auf EPO etc. zurückgeführt), Verschwinden von Spezialisten.
6.8.1998: Bei einem Straßenradrennen in Lausanne werden die Schweizer Doping-Sünder Zülle, Dufaux und Meier während des Rennens (u.a. mit Sprechchören) begeistert gefeiert (Süddeutsche Zeitung, 6.8.1998); ähnlich verhalten sich die Zuschauer bei der Regio-Tour im Grenzgebiet zwischen Freiburg und Basel (Teilnehmer u. a. Virenque).
„Sauber fährt am längsten“ Die Deutsche Telekom will im Radsport Zeichen setzen. Interview mit Vorstandssprecher Jürgen Kindervater ... 'Die Sportfans unterscheiden sehr wohl zwischen schwarzen Schafen und solchen, die ihrem Sport fair und sauber nachgehen. ... Wir wissen, dass das Team Telekom sauber ist. Schon weil wir eine Konstruktion gefunden haben, die eine vollkommen unabhängige ärztliche Begleitung durch die Medizinische Hochschule Freiburg sicherstellt. ... Wenn wir in unserem Sport mit gutem Beispiel vorangehen, werden andere folgen— (Die Zeit, 6. 8.1998).
11.8.1998: „Radsport"-Interview mit dem Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer, Manfred Böhmer: Frage: „Hat die Tour de France Gerüchte bestätigt, dass EPO weit mehr verbreitet ist, als man bisher annahm?" Böhmer: „Nein, die Blutkontrollen, die bisher durchgeführt wurden, ergeben einen Durchschnittshämatokritwert von 45,5, also kann man nicht vermuten, dass viele oder sogar alle Fahrer mit EPO operieren, sonst wäre der durchschnittliche Grenzwert wesentlich höher" (Radsport, 11. 8.1998).
12.8.1998: Die Teammitglieder von Big Mat werden von der Polizei in Lyon acht Stunden lang verhört. Unter den am 28. Juli konfiszierten Medikamenten waren 330 Ampullen, die als Dopingmittel verwendet werden können. In Reims sollen demnächst weitere 15 Fahrer des TVM-Teams verhört werden (Le Monde, 14.8.1998).
Bjarne Riis auf die Frage, ob es anständig ist, dass geständige Doping-Sünder wie Alex Zülle oder Laurent Dufaux jetzt wieder Rennen fahren: „Eine schwere Frage. Natürlich kann ich sagen, dass ich mit solchen Sportlern nicht in einem Feld fahren will. Aber sie werden ihre Strafe schon bekommen. Ich hoffe einfach, dass sie jetzt nicht gedopt sind" (Sport-Bild, 12.8.1998). Der Sportmediziner Prof. Dr. Keul, der im Auftrag der Deutschen Telekom Forschungen zur Dopingbekämpfung durchführen soll, hat die Hämatokritwerte der Telekom-Fahrer bereits an die UCI geschickt, damit sollen die anderen Mannschaften und Verbände unter Druck gesetzt werden: „Im übrigen müsse er mal darauf hinweisen, dass im Radsport die Kontrollen keineswegs so lasch seien wie dargestellt. Im nordischen Skisport und im Biathlon würde noch gar nicht gegen EPO vorgegangen. Es ist also nicht so, dass gar nichts getan wird' (Sport-Bild, 12.8.1998).
15.8.1998: Der Laborleiter des Doping-Labors in Chatenay-Malabry, Jacques de Caeriz, bezeichnet einige Befürworter der Dopingfreigabe als intellektuelle Terroristen, weil sie die Furcht vor falschen Analyseergebnissen schüren und die Konsequenz daraus ableiten würden, es sei besser, wenn man Doping freigeben würde (Le Monde, 15.8.1998).
Laut UCI war die Dopingproblematik bekannt; der bei der Tour offen zutage getretene Umfang habe aber überrascht. Deshalb plane der Verband zwei Maßnahmen: Regelmäßige Gesundheitschecks der Fahrer ab dem 1.1.1999 und Feststellen des individuellen Epowerts jedes Spitzenfahrers. Die Mannschaftsärzte sollen, unterstützt von offiziellen Ärzten, in Zukunft für die Einhaltung der Dopingregeln verantwortlich sein. Die Zahl der Wettkampftage soll 90 - 120 Tage nicht mehr überschreiten (1998 gab es keinen Fahrer, der so viele Tage fährt) (Le Monde, 15.8.1998).
19.8.1998: „Christian Henn (Team Deutsche Telekom) plädiert für härteste Strafen. ... Niemals in seiner Karriere sei ihm der Gedanke gekommen, 'irgendwelche Anabolika in mich reinzustopfen'. ...Substanzen wie Kortison oder auch Koffein dürften Henn zufolge einfach nicht mit 'harten Substanzen' wie EPO oder Anabolika in einen Topf geworfen werden. 'Es kann doch nicht angehen, dass eine Sekretärin am Tag 20 Tassen Kaffee in sich reinpumpen kann, und wir Radprofis müssen uns morgens vor dem Rennen schon überlegen, ob wir eine zweite Tasse Kaffee trinken können` (Rhein-Neckar-Zeitung, 19.8.1998).
31.8.1998: Virenque droht Baal am Telefon die Verbreitung von für ihn unangenehmen Informationen an, falls er gesperrt werden sollte. Er und sein Umfeld bringen anschließend in Umlauf, Baal habe sich als Aktiver selbst gedopt (Baal 1999, 88 f.).
Geständnisse von Festina-Fahrern
7. September 1998: Die Tageszeitung France-Soir veröffentlicht (unerlaubterweise) die Vernehmungsprotokolle der Festina-Fahrer (France-Soir, 7.9.1998).
Alex Zülle: „Ich gebe zu, seit etwa vier Jahren EPO zu verwenden. Das erste Mal war es, als ich noch für das spanische Team ONCE fuhr. Ich nahm das Produkt jedes Mal im Vorfeld wichtiger Rennen wie der Tour de France ... Und zwar zwei Injektionen EPO 2000 pro Woche und das drei bis vier Wochen vor dem Rennen und die ganze Zeit während der Rundfahrt Als ich zum ONCE-Team gehörte, wurden die EPO-Praktiken genauso angewandt, und ich darf sagen, dass das zwanzigköpfige Team EPO unter der Kontrolle der Ärzte Nico Terrados und eines gewissen Jose eingenommen hat. ... Ich kann es nicht beweisen, aber ich denke, dass heute alle großen Radteams EPO verwenden. Während der diesjährigen Tour de France habe ich erstmals auf eigenen Wunsch zusätzlich Wachstumshormone eingenommen ... Es war Dr. Ryckaert, der mir während der ersten Tour-Woche alle zwei Tage eine Dosis Wachstumshormone gegeben hat, die ich selbst injiziert habe."
Laurent Dufaux: „Die EPO-Einnahme fand nach Erreichen bestimmter Etappenziele im Hotelzimmer statt. Das EPO war vorbereitet oder bereits in der Spritze, die mir gebracht wurde, aufgezogen. ... Das Verabreichen dauerte nur wenige Sekunden, und ein Mitglied des Festina-Teams holte die Spritze ab; sie wurde in einem Müllbeutel entsorgt."
Armin Meier: „Bei Festina habe ich nur EPO bekommen. Im Team kenne ich einen Kollegen, der keine Doping-Produkte einnimmt. Es handelt sich um Christophe Bassons. Seine Ergebnisse sind dementsprechend. ... Bevor ich zu Festina kam, habe ich mir die Produkte selbst in der Schweiz besorgt, wo der Kauf auf Rezept einfach ist ... Im Grunde finde ich, dass Sportler gerade bei Festina medizinisch gut betreut werden." (Bassons bei Festina monatlich ca. 15.000 Francs, Virenque dagegen 700.000 und Heroe 100.000 Francs, Libèration, 26.10.2000).
Laurent Brothard: „Ich kann die Menge nicht abschätzen, die mir injiziert wurde ... Ich habe ebenso, in sehr begrenzter Menge, Wachstumshormone benutzt. ... Ich stelle fest, dass ich niemals Dr. Ryckaert um diese beiden Produkte gebeten habe. Roussel setzte uns unter permanenten Druck, Resultate zu bringen. Er zögerte nicht, uns aufzufordern, den Arzt zu konsultieren und, falls nötig, auf das übliche Produkt zurückzugreifen. Als ich überlegte, EPO nicht mehr zu nehmen, habe ich mir die Frage gestellt, ob meine Leistungen auf demselben Niveau bleiben würden. Also habe ich nicht gewagt aufzuhören. Da unsere Equipe es nimmt, müssen auch die anderen Mannschaften die selben Mittel nehmen, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen."
Christophe Moreau: „Die jährlichen Renngewinne der ganzen Mannschaft wurden von einem technischen Direktor in Andorra auf ein offenes Konto der `Amis de Festina Spècial gains annuel coureurs" eingezahlt. Bevor diese Summe dann unter uns verteilt wurde, wurde ein Teil davon für die von Dr. Ryckaert während der Saison verordneten Aufbauprodukte abgezogen."
Pascal Heroe: „Wir haben in der Tat Spritzen von Dr. Ryckaert erhalten. Was mir genau injiziert wurde, wusste ich allerdings nicht. Für mich handelte es sich um Aufbaupräparate, mehr wollte ich gar nicht wissen, denn ich vertraute dem Mannschaftsarzt. Wenn die Substanzen Dopingsubstanzen waren, dann wurde ich getäuscht. ... Ich habe insofern Schuld, als ich meinem Umfeld blind vertraut habe" (France-Soir, 7.9.1998).
Richard Virenque: „Ich habe niemals Dopingsubstanzen verlangt. Im übrigen habe ich das nicht nötig ... Was mich betrifft, so habe ich Dr. Ryckaert immer vertraut. Aber nach dieser Geschichte kann ich natürlich nicht bezeugen, dass Dr. Ryckaert mir nie - ohne mein Wissen - Dopingprodukte verabreicht hat" (Süddeutsche Zeitung, 9.9.1998).
22.9.1998: Präsident Baal verschiebt Maßnahmen gegen die französischen Festina-Fahrer bis nach Abschluss des in Lille eingeleiteten Verfahrens. Der schweizerische Verband sperrt Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier für sechs Monate. Da diese im Gegensatz zu den französischen Teammitgliedern ihr Doping in Presseinterviews zugegeben hatten, ist damit der Tatbestand des Dopings erfüllt (LEquipe, 24.9.98).
23.9.1998: Willy Voet bestätigt im „Parisien", dass Richard Virenque sich genauso gedopt hat wie die anderen,: „Er nimmt nicht mehr und nicht weniger Substanzen wie die anderen Fahrer." Virenque sei nicht ohne sein Wissen gedopt worden: „Der Arzt gab die Spritzen in meiner Anwesenheit. Und wenn kein Arzt da war, gaben sich die Fahrer die Spritzen selbst" (Le Monde, 24.9.1998).
24.9.1998: Die Verhandlung des Festina-Skandals durch die Disziplinarkommission des französischen Verbands wird aufgeschoben, da die Justiz dem FFC die Vernehmungsprotokolle nicht zur Verfügung stellt,- Daniel Baal will den Fall nach der Urteilsverkündung behandeln, er geht bis dahin „ von den geheiligten Prinzipien der Unschuldsvermutung, der Vertraulichkeit der Un tersuchungsergebnisse und der Rücksichtnahme auf die Rechte der Verteidigung aus (Le Monde, 27.9.1998). Bis zum Abschluss des Falls können die französischen Festina-Fahrer an allen Wettkämpfen außer den Weltmeisterschaften teilnehmen. Der Festina-Sprecher bei der Spanien-Rundfahrt meint, die gesamte Mannschaft habe diese Informationen als „gute Nachrichten" aufgefasst.
In „Le Monde" werden weitere Fakten der Affäre offengelegt:Beschaffung der Dopingpräparate: Laut Voet machte ein Mannschaftswagen von Festina nach der Italien-Rundfahrt einen Umweg über Spanien, kaufte dort die Medikamente ein und deponierte Festina-Gebäude in Meyzieux (Departement Rhöne). Voet will nur Transporteur gewesen sein, Auftraggeber sei der Arzt gewesen, der Sportdirektor sei informiert gewesen.
Verschreibung der Dopingsubstanzen: Laut Voet war der Arzt Ryckaert für den medizinischen Bereich allein verantwortlich. Wenn er bei Rennen nicht dabei war, gab er telefonische Anweisungen. Gespritzt wurde entweder durch den Arzt oder durch die Fahrer selbst. Alle Mannschaftsmitglieder außer Laurent Lefevre, Christophe Bessons und einem dritten, nicht genannten Fahrer hätten sich gedopt. Laut Sportdirektor Roussel sei die Elite der Mannschaft stärker vom Doping-Problem betroffen; etwa 20 der 25 Fahrer des FestinaRennstalls dopten sich. Ryckaert behauptet nach wie vor, er habe nie Spritzen gesetzt, das hätten die Fahrer selbst gemacht. Nach Ryckaert bestimmen die Fahrer ihren Hämatokritwert selbst. Wenn ein Fahrer vor einem Wettkampf feststellt, dass er niedrig ist, weiß er, dass er ca. drei Wochen nicht besonders leistungsfähig sein wird. Er gibt sich dann selbst drei subkutane Spritzen pro Woche, im Allgemeinen im Zwei-Tage-Rhythmus, zwei Wochen lang.
Ein gut organisiertes System zur Verringerung gesundheitlicher Risiken und Vermeidung positiver Kontrollen: Dieses System wurde nach Roussel in Absprache mit Ryckaert, dem spanischen Mannschaftsarzt Jimenez und Willy Poet installiert; Voet hatte die Aufgabe der Beschaffung und Verteilung der Substanzen. Das System wurde aus drei Gründen aufgebaut:
weil die Fahrer zur Steigerung ihrer Leistungen Doping verlangten,
weil die Ärzte Roussel gegenüber versicherten, dass Doping-Substanzen nicht schädlich und gefährlich sein müssen (er habe aber als ehemaliger Rennfahrer trotzdem immer wieder Skrupel gehabt),
damit die Fahrer sich zu ihrer Beschaffung nicht an Außenstehende wenden mussten. Voet ist sogar der Meinung, Roussel habe Leben gerettet: „Die Fahrer sind sich nicht bewusst, dass sie ihr Leben riskieren" (LEquipe, 24.9.1998). Bei jedweden medizinischen Fragen wandten sich die Fahrer an die Ärzte, ansonsten an den Pfleger, der telefonisch Kontakt mit den Ärzten hielt. Benennung der Substanz, Dosierung und Kalkulation des Risikos des Auffälligwerdens bei Dopingkontrollen war Sache der Ärzte. Ryckaert behauptet nach wie vor, mit Doping nichts zu tun zu haben. Er verstehe allerdings, dass Fahrer angesichts großer und langandauernder körperlicher Belastungen in Versuchung geraten, sowohl Leistungssteigerung als auch Regeneration medikamentös zu unterstützen, vor allem, da Anstellung und Höhe des Gehalts von den Leistungen der Fahrer abhänge.
Finanzierung der verbotenen Substanzen: Alle Einnahmen (ca. 80 % durch Sponsoren, ca. 20 % durch Veranstalter von Rennen) gehen auf ein Konto bei der Banca Mora von Andorra; diese begleicht die Medikamentenrechnungen und überweist anschließend das restliche Geld an die Fahrer. Für drei bis vier Medikamenteneinkäufe pro Jahr werden ca. 400.000 Francs ausgegeben (bei einem Gesamtbudget der Mannschaft von ca. 40 Millionen Francs). Da einige Fahrer mit der Gleichverteilung der Kosten nicht einverstanden waren, war Willy Voet für die Buchführung verantwortlich.
Die anderen Mannschaften: Roussel, Voet wie Ryckaert gehen davon aus, dass Doping auch bei allen anderen Mannschaften eine große Rolle spielt. Im Gegensatz zu manchen anderen Mannschaften seien Kauf und Verteilung der Substanzen bei Festina organisiert worden, um Überdosierungen zu vermeiden und medizinische Risiken zu verringern. Bei den wichtigsten Mannschaften seien wohl die gleichen Strukturen gegeben wie bei Festina. Bei den anderen werde Doping eher vorwiegend von den Fahrern selbst organisiert (Le Monde, 24.9.1998).
25.9.1998: In einem Brief an „Le Monde" beschreibt der Sponsor Festina (Uhrenhersteller) seine Rolle: „Die Firma Festina SA ist Sponsor der Firma Prosport in Andorra, Besitzerin der „Festina" genannte Rad-Mannschaft. Als Sponsor ... können wir nicht zulassen, dass wiederholt gesagt wird, der Ausschluss der Festina-Mannschaft bei der Tour hätte die Erhöhung der FestinaVerkaufszahlen begünstigt. Eine solche Behauptung könnte den Eindruck hinterlassen, dass Festina an der Entwicklung einer solchen Situation interessiert war. Die Firma Festina erinnert daran ..., dass sie aus Prinzip gegen jegliches Doping im Radsport und im Sport im Allgemeinen ist. ... Festina hat sich im Sponsoring engagiert, weil sie sich dem Sport verbunden fühlt, mit dem Ziel einer größeren Kundennähe und eines positiven Images in den Augen der Öffentlichkeit. Festina hofft, dass die neuen Verantwortlichen der Firma Prosport in der Lage sind, die Qualitäten der Fahrer des Festina-Teams zur Geltung zu bringen und so zum Wohl des Radsports die Ereignisse des Sommers vergessen zu machen. Wir verlangen, dass der Rummel um die Fakten, die zur Zeit vor Gericht behandelt werden und dem Untersuchungsgeheimnis unterliegen, aufhört. Wir sind verwundert, dass die Fakten genau zu Beginn der Vuelta der Öffentlichkeit präsentiert werden, als ob ein Interesse daran da sei, sich über die Richter zu stellen und über die Presse das zu regeln, was durch die Justiz noch nicht geregelt ist" (Le Monde, 25.9.1998).
1.10.1998: „Schwere Strafen für die Schweizer ... Alex Zülle, Laurent Dufaux und Armin Meier ... wurden für acht Monate ab dem 1. Oktober bis zum 1. Juni 1999 gesperrt" (bis einen Monat vor Beginn der Tour de France, L'Equipe, 1.10.1998). Die Sperre wurde später von der UCI auf sieben Monate reduziert (BAAL 1999, 104).
11.10.1998 Die meisten Spitzenfahrer nehmen an den Weltmeisterschaften im Straßenradfahren in Holland nicht teil. Laut Prof. Dr. Schänzer (Doping-Labor Köln) werden verschärfte Kontrollen mit neuen Untersuchungsmöglichkeiten durchgeführt (ZDF-Morgen-Magazin, 9.10.1998).
14.10.1998: Baal schickt einen Brief mit Vorschlägen zur Intensivierung und Effektivierung des Kampfes gegen Doping an den UCI-Präsidenten Verbruggen, er erhält aber keine Antwort. U. a. schlägt er die Einführung einer medizinischen Langzeituntersuchung für alle Profis vor, bei einem Hämatokritwert von über 50 die Erweiterung der Suspendierung von 14 Tagen auf zwei Monate, bei positiven Dopingkontrollen von sechs Monaten auf ein Jahr, die Einführung von Blutproben, die Aufbewahrung von Proben bis zur Entwicklung weitergehender Nachweismethoden (BAAL 1999, 126 f.).
6.11.1998: Der Franzose Roger Legeay wird als Vorsitzender der AIGCP (Association Internationale des Groupes Cyclistes professionnels) abgewählt und durch den Spanier Manolo Saiz ersetzt. Legeay hatte sich für eine wesentliche Verschärfung der Dopingbekämpfung stark gemacht (BAAL 1999, 123/145).
30.11.1998: Die Dopinganalysen an der pharmazeutischen Fakultät der Universität Montpellier ergeben, dass alle acht Festina-Fahrer mit EPO und anderen Dopingmitteln gedopt waren, dabei weist Virenque die höchsten Werte auf. Trotzdem leugnet er weiter (L'Equipe, 25.10.2000).
1999: Die Auswertung der Unterlagen (u.a. der Festplatten) von Conconi (Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC, Präsident der Medizinischen Kommission der UCI), Ferrari u.a.m. ergibt den Verdacht von Dopingverstrickungen von Mario Cipollini, Paolo Savoldelli, Eddy Mazzoleni (alle Saeco), Enrico Zaina, Marco Velo (Mercatone Uno), Pavel Tonkov, Gianni Faresin (Mapei), Wladimir Belli (Festina), Ivan Gott (Polti) u.a.m. in den vergangenen Jahren (GUILLON/QUÈNET 2000, 159).
Januar 1999: Erster (Pflicht-)Termin im Rahmen der Langzeituntersuchung französischer Radprofis: Die Ergebnisse können nur zur Krankschreibung, nicht aber zu Sperren führen. Der Test bringt beunruhigende Ergebnisse, u. a. haben 90 % einen viel zu hohen Ferritinwert (BAAL 1999, 171), 65 % hatten wohl Kortikoid- und andere Hormoninjektionen bekommen, 40 % hatten Leber- und Pankreasprobleme (GUILLON/QUENET 1999, 199), die wohl durch zu hohe Gaben von Eisen ausgelöst wurden; die Werte lassen umfangreiches Doping im Radsport vermuten. Athleten mit solchen Problemen sind Kranke und nicht wettkampftauglich. Die UCI lehnt den Umfang der französischen Kontrollen ab, vor allem auch die Untersuchung des Ferritinwerts; der UCI-Präsident Verbroggen beginnt Mobbing gegen seinen Vizepräsidenten Baal (bzw. die französischen Radsportverantwortlichen) und versucht, ihn entweder auf seine Linie zu bringen oder zum Rücktritt zu bewegen (BAAL 1999).
6.5.1999: In Lille kommt es zur Gegenüberstellung von Roussel, Legeay und Baal zu ihren unterschiedlichen Aussagen bei vorhergehenden Terminen. Baal erklärt die Bemühungen des französischen Radverbands um eine Intensivierung der Dopingbekämpfung und die Hilflosigkeit angesichts der Nachweisprobleme bei der jüngsten Generation von Dopingmedikamenten (vor allem Wachstumshormone, EPO). Roussel und Richter Keil versuchen nachzuweisen, dass Verbandsfunktionäre wie Baal immer voll über das Dopingproblem informiert waren. U.a. wird vorgeworfen, dass früher ehemalige Doper wie die Ex-Profis wie Yves Hezard, Bernard Bourreau oder Charly Bèrard in der Verbandsführung tätig waren oder sind (GUILLON/QUENET 2000, 64). Baal betont, bis zum Festina-Skandal sei er weit davon entfernt gewesen, sich den vollen Umfang des Problems vorstellen zu können.
Der Untersuchungsrichter stellt an alle die Frage, ob nicht die Untätigkeit des nationalen und internationalen Verbands verhindert hat, dass effektive Kontrollmethoden nicht angewendet wurden, was von Baal, Leblanc und Legeay verneint wird (GUILLON/QUENET 2000, 65£).
18.5.1999: Willy Voet veröffentlicht sein Buch „Massacre ä la chaine", das heftige Dopingvorwürfe gegen das ganze Radmilieu enthält.
6.6.1999: Zwei Etappen vor Ende des Giro d'Italia wird der Tour- und Giro-Sieger Marco Pantani wegen eines erhöhten Hämatokritwerts (52 %) für 14 Tage suspendiert („Schutzsperre"). Pantani nimmt 1999 an keinen weiteren Rennen mehr teil, verzichtet auf die Teilnahme an den Weltmeisterschaften und taucht völlig unter, der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guerini wird stutzig und sammelt weiter Beweise; er lässt die Ergebnisse von Blutuntersuchungen nach früheren Unfällen Pantanis beschlagnahmen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.10.1999).
Der ehemalige deutsche Radprofi Dietrich Thurau spricht sich angesichts des Falls Pantani für die EPO-Freigabe im Profiradsport unter ärztlicher Aufsicht aus (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.6.1999). In den Dateien von Conconi wurde Pantani für März 1994 mit 40,7 % Hämatokritwert aufgeführt, am 23. Mai mit 54,5 % und am 13. Juni, am Ende des Giro d'Italia, bei dem er Zweiter wurde, mit 57,4 % (El Pais, 29.12.1999).
Die unangemeldeten Blut- und Urintests, die in Italien in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Radsportverband (UCI) durchgeführt werden, haben eine Reihe positiver Dopingfälle auch im Jugendbereich aufgedeckt (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.10.1999).
4.6.1999: Das Ergebnis der Analysen wird bekannt gegeben, die während des Verhörs von Franck Vandenbroucke vorgenommen wurden (Hämatokritwert 52 %, Spuren von Amphetaminen); Vandenbroucke war der dominierende Fahrer des Frühjahrs 1999.
16.6.1999: Tour-Direktor Leblanc lässt das Team TVM sowie Manolo Saiz und Richard Virenque nicht zur Tour 1999 zu, was die UCI nicht akzeptiert (BAAL 1999, 291 f.).
28.6.1999: Richter Keil schließt die Untersuchung des Festina-Skandals ab, der Prozess soll aber erst im Herbst 2000 erfolgen. In seinem im September 1999 erschienenen Buch wirft Baal Keil vor, zum Teil falsche Schwerpunkte gesetzt und interessante Aspekte wie z. B. die Dealer-Frage vernachlässigt zu haben (BAAL 1999, 285 ff.).
16.7.1999: Bei der Tour de France wird der Ex-Festina-Fahrer Christophe Bassons, der nach der Aussage anderer Festina-Fahrer einer der wenigen nicht gedopten Profis ist und sich auch öffentlich gegen Doping engagiert, durch Mobbing im Fahrer-Feld zur Aufgabe getrieben (BAAL 1999, 294).
Anfang August 1999: Zweiter bei der Tour wird der Ex-Once und -FestinaFahrer Alex Zülle, trotz seines laut behaupteten EPO- und Dopingverzichts nunmehr besser platziert als in allen dopingunterstützten Vorjahren. Zum ersten Mal seit 1926 gewinnt kein (medizinisch langzeitkontrollierter) Franzose auch nur eine einzige Etappe (BAAL 1999, 296).
September 1999: Die Organisatoren der Spanienrundfahrt „Vuelta" versuchen die Tour de France an Schwierigkeit zu übertreffen. Die 11. (201 km), 12. (147 km) und 13. Etappe (139 km) sind Bergetappen in den Pyrenäen, mit Etappenzielen auf 1890 m, 2230 m und 1890 m, mit bis zu 72 km Anstieg und bei der 13. Etappe einem Schlussanstieg von 1300 m Höhenunterschied und bis zu 23 % Steigung (L'Equipe, 15.9.1999). Eine solche Gestaltung kann als strukturelle Verführung zum Doping angesehen werden.
November 1999: Staatsanwalt Soprani beschlagnahmt im Rahmen einer seit 1996 laufenden Untersuchung den Computer und Dokumente des italienischen Epo-Forschers Conconi. Spitzensportler aller Sportarten sollen zu den Kunden Conconis gehören, von der Formel 1 über das Rudern bis hin zum Radfahren, darunter Marco Pantani, Gianni Bugno, Claudio Chiapucci, Guido Bontempi, Stephen Roche, Rolf Sörensen, Giancarlo Penni. Conconi schweigt zu den Anschuldigungen (Le Temps, 1.11.1999).
Dezember 1999: Der italienische Staatsanwalt Spinosa, der die Tätigkeit des Conconi-Schülers Ferrari untersucht, lässt beschlagnahmte Unterlagen durch italienische Medizinkapazitäten begutachten, die zu dem Schluss kommen, dass viele Profis gedopt waren, u.a. Ivan Gotti, Mario Cipollini, Paolo Savoldelli, Pavel Tonkov, Abraham Olano, Gianni Faresin, Beat Zberg, Axel Merckx, Tony Romfinger, Claudio Chiappucci oder Femando Escartin. Fast alle haben neben deutlichen Veränderungen des Hämatokritwerts anormale Eisenwerte (Ferritin) in der Leber, Milz und Pankreas. Die Unterlagen werden von der Staatsanwaltschaft an den italienischen Sportbund (CONI) weitergegeben. Es steht zu erwarten, dass die Staatsanwälte Soprani (zuständig für Conconi), Guariniello (Pantani und Juventus Turin) und Giardina (Ausschluss Pantanis von der Italienrundfahrt Giro) in Kürze ihre Ergebnisse ebenfalls der Öffentlichkeit und CONI zugänglich machen werden (Le Temps, 16. Dezember 1999).
Januar 2000: Fazit Donatis in seinem Report 1994: "Jeder Radsportler nimmt EPO, einige Wachstumshormone; Prof. Conconi steht im Zentrum der Aktion." Erweiterung seines Fazits 2000: Dokumente belegen, dass der Däne Bjarne Riis einen Hämatokrit-Wert von 56,3 hatte:
"Die Unterlagen sagen aus, dass Riis ein durchschnittlicher Fahrer war - aber man kann ein exzellenter werden mit einer sehr hohen Dosis EPO. ... Es gibt inzwischen mehr als 400 Namen auf Conconis Listen. Seit 1994 arbeiten sehr viele Ärzte mit EPO. Die Staatsanwälte müssen das stoppen. ... Warum konnten deutsche Radfahrer gegen Konkurrenz gewinnen, die nachweislich gedopt war. Heißt das, dass deutsche Fahrer stärker sind als alle anderen auf der Welt?" (Der Spiegel 4, 2000, 147).
Mehrere ehemalige holländische Profis (Steven Rooks, Peter Winnen, Maarten Ducrot) gestehen, dass in ihren Teams in den 80er Jahren systematisch gedopt wurde. Die verbotenen Substanzen wurden ihnen von Mannschaftsärzten und Betreuern mit Wissen der sportlichen Mannschaftsleiter gegeben, u.a. Anabolika, Amphetamine und Psychopharmaka:
„Die früheren sportlichen Leiter von Winnen und Ducrot, Raas (jetzt Manager von Rabobank), Peter Post und Jan Gisbers, zogen sich auf die allseits bekannte Verteidigungslinie zurück: ,Bei uns gab es kein Doping – davon wissen wir nichts (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.1.2000).
Nach Raas ist Ducrot ,rachsüchtig` und ein ,seltsamer Vogel` (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.1.2000). Der Präsident der UCI, Verbroggen, kritisiert die geständigen Fahrer, ihnen ginge es nicht um Ethik:
„Mit ihrem Geständnis haben sie den Eindruck erweckt, in ihren Teams habe es ein Doping-System gegeben und ihnen wäre nichts anderes übrig geblieben. Das ist totaler Unsinn. Ein Fahrer ist immer als Erster verantwortlich für Doping. Sie hätten sagen können: Doping – ohne uns" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.1.2000)
Der PDM-Teamchef Jan Gisbers, der nach dem Rückzug des PDM-Teams von der Tour de France 1991 (wohl wegen unsachgemäßen EPO-Dopings) entlassen wurde, sagt aus, dass er damals von Jacques van Rossum (einst Leiter des vom IOC akkreditierten Anti-Doping-Labors in Utrecht) in Sachen Doping beraten wurde:
„Van Rossurn gab die Grenze an, wie weit der einzelne Rennfahrer gehen konnte, ohne erwischt zu werden" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.1.2000). „`Wir überlegten gemeinsam, was möglich war und was nicht.' Auch seine Amtskollegen Jan Raas (Kwantum, Buckler) und Peter Post (Panasonic, Raleigh) hätten mit dem Dopingexperten zusammen gearbeitet. Van Rossum habe die Teams dabei beraten, wie sie verbotene Mittel verabreichen, dass sie bei Kontrollen nicht mehr nachzuweisen seien" (Neue Züricher Zeitung, 6.1.2000).
Marco Pantani wird wegen Sportbetrugs angeklagt. Der Richter Michele Leoni in Forli (Norditalien) unterstellt Pantani EPO-Doping und damit Betrug an seinen Konkurrenten. Grund der Anklage ist ein Hämatokritwert von 60,1 bei einer Operation nach einem schweren Sturz beim Rennen Mailand – Turin am 18.10.1995 (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.4.2000).
20.4.2000: Der ehemalige französische Mountainbike-Weltmeister Jèrôme Chiotti, der 1996 u.a., dopingunterstützt, Weltmeister geworden war und seit einigen Monaten nicht nur sein Doping (vor allem EPO) zugegeben hat, son- dem es auch heftig denunziert, weist darauf hin, dass sich nichts geändert hat:
„ Was mich zum Reden gebracht hat, ist der Druck des Umfelds. Im Radsport hat sich nichts geändert. Etwa bei Straßenrennen? ... Im Cross, im Mountainbike geht Doping weiter. Genauso wie vorher: EPO, Wachstumshormone, Anabolika ... Nach der Festina-Affäre habe ich aufgehört, solche Substanzen zu verwenden, als Folge des Wachwerdens meines Gewissens: Ich wollte kein Gesetzloser sein (GUILLON/QUENET 2000, 5 f.).
9.8.2000: Eine Woche zuvor hatte die UCI mitgeteilt, alle Dopingproben bei der Tour de France 2000 seien negativ ausgefallen. Dagegen teilt der „Französische Ausschuß zum Kampf gegen Doping" (CPLD) mit, „daß 45 % der 96 Urinproben aufputschende Mittel enthielten", in 28 Fällen wurde das Mittel Corticosteroid nachgewiesen, in zehn Salbutamol oder Terbutaline, in fünf eine Kombination von Corticosteroiden und Salbutamol (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.8.2000). Wenige Tage später erklärt die UCI, fast alle der positiv getesteten Fahrer hätten ärztliche Atteste wegen Gesundheitsproblemen vorgelegt.
14.8.2000: Der renommierte Physiologe, Prof. Saltin (Kopenhagen), Mitglied der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), ist sich sicher, dass EPO zum Teil bereits durch Hemopur (eine Lösung aus Rinderhämoglobin, die zur Zeit nicht nachgewiesen werden kann) abgelöst wurde: „Ich habe Quellen, die mir bestätigen, dass sich Fahrer bei der letzten Tour de France mit Hemopur gedopt haben" (Der Spiegel, 14.8.2000, 158).
11.9.2000: Der IOC-Präsident Samaranch erklärt: „Ich denke, die Olympischen Spiele in Sydney werden vollkommen saubere Spiele sein". Dopingbeschuldigungen gegen die italienische Athletenvertreterin im IOC, Manuela di Centa (vgl. SINGLER/TREUTLEN 2000, 142), wehrt er ab, da keinerlei Beweise vorliegen würden. Er behauptet weiterhin eine Vorreiterrolle des IOC bei der Dopingbekämpfung und schiebt die Verantwortung für die Unvollkommenheit des Kampfes den internationalen Fachverbänden zu, denn schließlich seien diese für den Alltag im Spitzensport verantwortlich (L'Equipe, 11.9.2000).
Ende September 2000: Festina-Arzt Ryckaert wird in Gent (Belgien) für die Versorgung der Festinamannschaft mit Dopingmitteln in den Jahren 1995 –1997 verurteilt (Süddeutsche Zeitung, 25.10.2000).
12.10.2000: Gegen Pantani wird in Italien Anklage wegen Sportbetrugs erhoben. Dem Vorgang liegt vor allem der weit überhöhte Hämatokritwert nach seinem Unfall 1995 zugrunde. Die UCI verlangt ihre ausschließliche Zuständigkeit für Dopingkontrollen bei den Weltmeisterschaften und will die Analysen in Köln vornehmen lassen, was im Widerspruch zur französischen Gesetzgebung steht. Zudem verlangt die UCI die Vernichtung der für EPO-Analysen eingefrorenen Urin-Proben von der Tour de France, da die französische Testmethode (die während den Olympischen Spielen in Sydney angewandt wurde) von IOC und UCI noch nicht akzeptiert sei (L'Equipe, 12.10.2000).
21.10.2000: Die italienische Radolympiasiegerin Antonella Bellutti gehört zu den 69 italienischen Spitzensportlern, die unter dem Verdacht stehen, sich mit Wachstumshormonen gedopt zu haben: „'Ich kämpfe mein Leben lang gegen Doping. Diese Vorwürfe dienen nur der Rufschädigung' klagte Antonella Bellutti" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2000).
Fazit: Mit dem Aufkommen von EPO hat sich das schon zuvor umfangreiche-Doping im Radsport ebenso gründlich verändert wie mit der Verwendung von Anabolika in der Leichtathletik (vgl. SINGLER/TREUTLEN 2000). Ebenso wie bei den Anabolika wurde nur völlig unzureichend über Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt (vgl. hierzu den Bericht eines ehemaligen Schweizer Radprofis, Neue Zürcher Zeitung, 6.9.2000).
2.4 Spitzensport vor Gericht: Der Festina-Prozess in Lille
Am 23. Oktober 2000 beginnt in Lille der Prozess gegen zehn Beteiligte des Festina-Skandals. Unter der geschickten Verhandlungsführung des Präsidenten der siebten Strafkammer, Delegove, beenden Virenque und andere ihr jahrelanges Ableugnen des Dopings. Wie ein Schachspieler arbeitet sich der Präsident Delegove über die Behandlung der individuellen Deviant von Akteuren wie Virenque, Herve, Voet oder Roussel an die dahinter liegenden Strukturen, an die strukturelle Bedingtheit des Dopings heran. Virenque:
„Ich war wie ein Schaf in der Herde und hatte keine andere Wahl. Wenn ich es nicht getan hätte und nicht im Strom mitgeschwommen wäre, dann wäre ich sofort erledigt gewesen".
Virenque versucht sein langes Leugnen mit seinem fehlendem Schuldbewusstsein zu erklären:
„Doping ist Betrug. Im Radsport sprechen wir deshalb nur von ,Renn-Vorbereitung` mit medizinischer Hilfe. Solange jemand nicht positiv getestet wurde, hat er nicht gedopt" (Süddeutsche Zeitung, 25.10.2000).
Laut dem Pfleger Voet hatte Virenque nie einen höheren Hämatokritwert als 54 (1997, damals Zweiter bei der Tour de France), „während der von anderen Mannschaften 62 erreichte, 1998 sogar 64" (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2000). Der ehemalige Festina-Trainer Antoine Vayer wies darauf hin, dass Fahrer und Umfeld nach Rennen zeitweise den Dopingtrunk „pot belgique" (Heroin, Amphetamin, Kokain, Koffein, Kortikoide) sogar zusammen mit Journalisten so tranken, als ob sie eine Tasse Kaffee trinken würden. Virenque sah sich trotz seines Geständnisses nicht als Betrüger, denn das neue französische Anti-Doping-Gesetz sei ja erst nach der Tour de France 1998 verabschiedet worden (L'Equipe, 25.10.2000). Um Doping handelte es sich für ihn immer noch nur dann, wenn man positiv getestet wird, trotz dem französischen Antidoping-Gesetz von 1989 und den Regeln der UCI (Liberation, 25.10.2000).
Die „L'Equipe" kommentierte unter der Überschrift „Alle schuldig":
„Er hat gestanden. Na und? Er hat nur das zugegeben, was offensichtlich war ... Richard Virenque ist kein Verbrecher, er ist nur einer allgemeinen ,Abweichung` erlegen. Er gehört zur Generation ,EPO` ... Er ist des Dopings schuldig, aber nicht schuldiger als all die anderen ... Er hat viel gelogen, aber in diesem Milieu gehört Lügen dazu. ... Das Geständnis des französischen Meisters wirft auch ein Licht auf die Sitten und Gebräuche dieser Welt. Nach Richard Virenque ist man nicht gedopt, wenn man nicht positiv getestet wird, man ist kein Betrüger, wenn alle betrügen; diese Sichtweise, die weitgehend von seinesgleichen geteilt wird, beleuchtet den Grad der Dekadenz der Radprofi-Gesellschaft. Wie Alex Zülle, Laurent Brothard und einige andere seiner ehemaligen Mannschaftskameraden von Festina, die vor ihm gesperrt wurden, wird er für alle anderen bezahlen, für alle, die das Gleiche wie er gemacht haben, und von denen einige ohne jegliches Schamgefühl weitermachen" (L'Equipe, 25.10.2000).
Delegove:
"Es dreht sich hier nicht darum, die Radsportler in Angst und Schrecken zu versetzen, sondern ihnen eine Botschaft rüberzubringen, sich in den nächsten Jahren ständig genau untersuchen zu lassen."
Und Virenque:
„Wenn ich das alles gewusst hätte, hätte ich mir eine gesündere Sportart ausgesucht. Jetzt werde ich die Konsequenzen erst später sehen ... Ich habe zwei sehr schwierige Jahre durchlebt. Wenn ich nicht früher gestanden habe, dann aus dem Grund, dass ich nicht der Einzige sein wollte, der für das Doping bezahlen muss" (L'Equipe,
28.10.2000).
Der Pharmakologe Michel Audran wies darauf hin, dass führende Funktionäre das EPO-Problem bereits seit mindestens 1990 kannten. Bei den vorolympischen Spielen 1991 fand ein Expertengespräch statt, bei dem Audran erste Ergebnisse zur EPO-Forschung vortrug. Der Vertreter der Medizinischen Kommission des IOC, Prof. Dr. Donike, habe darauf hingewiesen, Audran verschwende seine Zeit, denn EPO spiele im Radsport keine Rolle. Erst 1994 habe das IOC EPO-Forschung finanziert, ausgerechnet jene des als Doper angeklagten Prof. Conconi (L'Equipe, 28.10.2000). Trotz der Geständnisse der FestinaProfis behauptete UCI-Präsident Verbruggen immer noch, es handle sich nur um individuelle Deviant von wenigen Fahrern:
„Es gibt eine kleine Gruppe von Betrügern; dann eine größere Gruppe von Fahrern, die meinen, es jenen nachmachen müssen, weil sie sonst die Chancengleichheit nicht gewahrt sehen; die dritte Gruppe dopt sich nicht, stopft sich aber mit erlaubten Medikamenten voll; die vierte – kleinste – Gruppe nimmt überhaupt nichts" (Liberation, 1. No vember 2000). Und: „ Der Fahrer ist der Hauptverantwortliche, er kann wählen. Ich fühle mich in keiner Weise schuldig oder verantwortlich dafür, dass ein Fahrer sich dopt oder ein Pfleger ihn dabei unterstützt" (Le Monde, 2. November 2000).
1,8 Millionen Francs habe die UCI in fünf Jahren für die EPO-Forschung ausgegeben (bei einem Jahresetat von 250 Millionen Francs), obwohl das ja eher eine Aufgabe der Sponsoren sei: Wenn jeder Sponsor 1 % seines Sponsorings für den Kampf gegen Doping ausgeben würde, würde dies bei Festina exakt die zuvor für Dopingmittel ausgegebenen 400.000 Francs ausmachen. Unsicher wirkte Verbruggen bei der Konfrontation mit einem Brief des UCI-Verbandsarztes Leon Schattenberg an die Fahrer im August 1998, dass „der unkontrollierte Verbrauch von EPO schädlich für die Gesundheit sein kann" und dass „die missbräuchliche Verwendung von EPO ausgerottet werden muss", was den Vorsitzenden Richter Delegove zu der Bemerkung veranlasste:
„Damit wird auf den Missbrauch von Doping abgehoben, nicht aber auf das Doping selbst" (Le Monde, 2.11.2000).„Der Sieger der Tour von 1926 wurde 87 Jahre und 114 Tage alt. Sein Rad wog 12 Kilo, die Straßen waren nicht geteert und er fuhr 100.000 Kilometer in einer Saison. Heute haben wir schöne Straßen, leichte Räder, gefahren wird zweimal weniger und trotzdem brauchen all die jungen Sportler eine durchgehende Betreuung durch Ärzte. Warum?" (L'Equipe, 3.11.2000)
Verbruggen behauptete trotzdem, den Kampf gegen Doping energisch zu führen, wurde aber von Roussel und Voet des Gegenteils bezichtigt, bei nicht konformem Verhalten habe er einmal angedroht: „Wenn ich will, kann ich bei einem Fahrer für eine positive Doping-Kontrolle sorgen" (Liberation, 1.11.2000). Delegove zum behaupteten Antidoping-Engagement:
„Von der Existenz von EPO wissen Sie seit 1990. Heute haben wir das Jahr 2000, EPO ist immer noch nicht nachweisbar. Das ist wohl eine Art Rekord.... Seit 1995 haben Sie Geld für die Entwicklung einer Nachweismethode ausgegeben. Bis heute beläuft sich der Betrag hierfür auf 1,8 Millionen Francs. Im Vergleich zum Gesamthaushalt der UCI in diesem Zeitraum (1995 bis 2000) mit geschätzten 250 Millionen Francs ist das wenig" (Libdration, 1.11.2000).
Mit dem Vorurteil, mit EPO würde Chancengleichheit erst hergestellt, wurde beim Prozess aufgeräumt, da z.B. jeder Organismus anders auf EPO oder andere Dopingmittel reagiere; insofern würden heute letztlich Mediziner und Medikamente über die Teilnahme und Platzierung bei wichtigen Wettkämpfen entscheiden (Rad-Verbandsarzt Francois Poyet zum Festina-Prozess, LiMration 2.11.2000). Im Gegensatz zu den 50er und 60er Jahren, als Radsportler mit Stimulantien erst bei Beginn einer Profikarriere konfrontiert wurden, würden Dopingmittel heute auf allen Leistungsniveaus und auch bei Jugendlichen verwendet. Die Dopingbekämpfung müsse angesichts ihrer Unwirksamkeit in der Verantwortung der UCI an eine unabhängige Instanz – unabhängig von Erfolgs- und finanziellen Pressionen und Erwartungen – gegeben werden (Liberation, 2.11.2000). Es wurde beklagt, dass selbst bei Jugendlichen schon Atteste für Dopingmittel ausgestellt werden (z.B. das Kortikoid Kenacort, angeblich wegen einer Allergie) und in Dosierungen, die so hoch sind, dass Nierenversagen und Abhängigkeit droht; Nandrolon wurde in Tablettenform gefunden, Wachstumshormone greifen um sich, seitdem die Versorgung per Internet aus den USA und Kanada leicht geworden ist. Poyet beklagte vor allem den Erwartungsdruck der Eltern und der Vereine auf die Jugendlichen, schnelle Erfolge sind gefordert in einem Milieu, in dem schon 15-Jährige ihre Schulkarriere dem Sport opfern. Da in Trainer- und Funktionärspositionen überwiegend ehemalige leistungsstarke Fahrer zu finden sind, die sich von der früheren Dopingpraxis nicht losgesagt haben, schlug Poyet vor, eine Zeit lang Radwettkämpfe auszusetzen und das gesamte Führungspersonal auszutauschen (Le Monde, 2.11.2000).
Die Urteilsverkündung zum Festina-Prozess erfolgte am 22.12.2000; die Fahrer wurden – als Doping-Konsumenten – freigesprochen, einige akteure zu hohen Geldstrafen und Gefängnisstrafen mit Bewährung verurteilt. Dass mit dem Festina-Prozess letztlich nur ein weiterer Anfang in der Bearbeitung der Dopingproblematik gemacht wurde, zeigen die Vorwürfe gegen das Team des Tour-Siegers 1999 und 2000, Lance Armstrong (US Postal), in dessen Abfallsäcken u.a. Schachteln des norwegischen Medikaments Actovegin gefunden worden sein sollen; eines Ersatzes für EPO. Es wird aus deproteinisiertem Kälberblut hergestellt (Le Canard Enchaine, 8.11.2000) und hat den Vorteil, dass der Hämatokritwert nicht ansteigt. Und auch der Skandal um den Missbrauch von Wachstumshormonen in Italien zeigt, wie gering der Wille ist, effektiv gegen Doping vorzugehen. In einer seriösen Studie hatte die Antidoping-Kommission von CONI auf der Grundlage der Untersuchung von 538 italienischen Spitzensportlern nachgewiesen, dass die Wachstumshormonwerte von 61 Sportlern eine absolute Gesundheitsgefährdung anzeigen. (Le Monde, 21.10.2000; Ärztezeitung, 27.9.2000). Unter den 61 höchst gefährdeten Sportlern waren fünf italienische Olympiasieger der Olympischen Spiele 2000. CO-NI versuchte – wie auch schon bei der EPO-Studie von Donati 1994 - das Ergebnis geheim zu halten.
Die Darstellung der Fakten und Meinungsäußerungen zur Tour de France 1998 und der Festina-Prozess zeigen die Schwierigkeit, aber auch die Gründlichkeit der Bearbeitung von sportlichem Betrug durch Polizei, Justiz und Staat. Sie arbeiten zwar langsam, aber letztlich erheblich erfolgreicher als der Sport. Die Äußerungen von Fahrern während der Tour 1998 zeigen das fehlende Unrechtsbewusstsein bei vielen am Skandal beteiligten Personen sowie deren Haltung gegenüber einem als ahnungslos angesehenen Publikum. Die Aussagen der Funktionäre lassen sich in zwei Kategorien einordnen: Die eine deutet auf Urheber, die alles wissen, decken und unterstützen oder gar teilweise gezielt einfordern. Die andere weist auf ehemalige, eher mittelmäßige, Leistungssport ler, die für sich geltend machen, blauäugig in die Führung des Spitzensports hineingeraten zu sein und die scheuklappenartig eine umfassende Information über die Realität des Spitzensports vermeiden. Und selbst wenn sie detaillierte Informationen über Betrug erhalten, macht sie die im Spitzensport herrschende Kameraderie unfähig, effektiv gegen Machenschaften vorzugehen. Ehrliche, zum Kampf gegen Doping bereite Funktionäre, werden im internationalen Spitzensport eher früher als später in ihren Positionen abgelöst. Die Funktionärsproblematik soll deshalb am Beispiel des französischen Radsportpräsidenten Baal etwas weitergehend untersucht werden.
2.5 Handlungsdilemmata von Funktionären am Beispiel des französischen Radpräsidenten Baal
Daniel Baal schildert in einem Buch (1999) seine Erfahrungen mit dem Radsport. Er stellt sich als engagierten Kämpfer gegen Doping seit seinem Amtsantritt 1996 dar und behauptet: „Wenn man nicht Teil des Systems war, wusste man nichts" (Tour 2000,2,45). Manche Äußerungen während der Tour 1998 stehen allerdings dieser Selbst-Darstellung entgegen. Spätestens seit deren Beginn befand sich Baal in einer Zwangslage zwischen den Erwartungen des Spitzensports nach Schweigen und Vertuschen (verkörpert durch den UCIPräsidenten Verbruggen) und den entgegengesetzten Erwartungen des französischen Sportministeriums (Ministerin Buffet) auf Sicherung der Sauberkeit des Spitzensports. In Frankreich sind die Sportverbände abhängig vom Staat; zusammen mit dem durch die Medien erzeugten Druck sorgte dies wohl dafür, dass Baal vom Getriebenen bei der Dopingbekämpfung zum Antreiber wurde, zumal im Zusammenhang mit den Ermittlungen des Richters Keil eine Anklage wegen Unterstützung oder zumindest Duldung des Dopingsystems drohte. Die Belohnung für diese Anpassung dürfte die Verleihung der hohen staatlichen Auszeichnung der „Logion d'honneur" durch die Ministerin Buffet Anfang 1999 sein.
Baal schätzt seine Entwicklung folgendermaßen ein:
„Obwohl ich an verantwortlicher Stelle tätig war, war ich offensichtlich doch ein Träumer, was meine Bewunderung für die Sportler betraf Seit 1998 ist das anders. Aber ich hatte schon davor das Gefühl, dass im Rennsport nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Daher habe ich in der Folge auch so heftig reagiert""(Tour 2000, 2, 45). Und gegenüber dem Kammerpräsidenten Delegove: „Gerne gestehe ich den Misserfolg der FFC ein, Herr Präsident, aber dann muss auch das Scheitern des IOC und aller Staaten unterstrichen werden" (L'Equipe, 3.11.2000).
Immerhin hatte Baal als Präsident durchgesetzt, dass Ärzte wie Ryckaert, Pfleger wie Voet, Sportdirektoren und Ärzte von Firmen-Teams nicht mehr in französischen Nationalmannschaften eingesetzt werden durften. Es bleibt aber offen, ob Baal Konvertit mit unklarer Vergangenheit oder überzeugter Dopinggegner von Anfang an war. Die Entwicklung Baals ist ein Beleg für die These, dass vor allem durch Skandalisierung, öffentlichen und staatlichen Druck eine Intensivierung der Doping-Bekämpfung und Veränderungen der Einstellung von Akteuren im Spitzensport erreicht werden können. Da sich Baal zwischen Kameraderie und staatlichen Erwartungen für die wohl härteren staatlichen Erwartungen entschied, trafen ihn verdeckte Strafmaßnahmen des internationalen Verbands. Daran lässt sich erkennen, dass der nationale Kampf gegen Doping durch internationale staatliche Vereinbarungen und Maßnahmen unterstützt werden muss, da sonst die internationalen Verbände und das IOC nationale Bemühungen leicht negieren und konterkarieren können. Nationale Regierungen und Funktionäre können durch die Gefahr der Austrocknung populärer Wettkämpfe (wie der Tour de France) oder durch die Nichtberücksichtigung bei der Vergabe attraktiver Meisterschaften (wie z. B. Olympische Spiele) zu leicht gefügig gemacht werden.
Der Festina-Skandal zeigt, dass sich die Professionalisierung der Spitzensportler und ihres Umfelds sowie deren finanzielle und juristische Möglichkeiten viel schneller entwickeln als jene der nationalen und internationalen Sportverbände. Obwohl über die Festina-Fahrer und andere Profis viele Doping-Fakten bekannt wurden, war nach den Dopingbestimmungen des Radverbands zunächst eine Sperre nur für die drei Schweizer Festina-Fahrer möglich, da sie gegenüber der Presse ihr Doping zugegeben hatten. Die nur der Staatsanwaltschaft gegenüber geständigen französischen Festina-Fahrer konnten dagegen nach geltendem Verbandsrecht nicht gesperrt werden, da die dafür notwendigen Voraussetzungen fehlten und von der Justiz vor Ende des Verfahrens nicht geliefert werden durften. Hätte der französische Verband trotzdem eine Sperre ausgesprochen, wäre er von Schadensersatzklagen bedroht gewesen. Die beiden Doping leugnenden Festina-Fahrer Richard Virenque und Pascal Hervd führten die Hilf- und Machtlosigkeit von nationalem und internationalem Verband gegenüber hartnäckigem Leugnen regelrecht vor.
Probleme der Ehrenamtlichkeit
Funktionäre sind Generalisten, die sich zudem als Ehrenamtliche aus Zeitmangel (und oft fehlender Kompetenz) nur begrenzt in all die verschiedenen Bereiche einarbeiten können, für die sie zuständig sind. Beim Dopingproblem steigt die Überforderung mit der ständig wachsenden Komplexität des Problems. Funktionäre sind zunehmend von hochqualifizierten Spezialisten umgeben, die primär ihren Ausschnitt des Spitzensports sehen und sich vorwiegend dessen Logik verpflichtet fühlen. Generalisten kann man – sofern sie Skrupel haben –in ihrer Überforderung nur bedauern.
Daniel Baals Buch belegt beeindruckend, in welch hohem Umfang ehrenamtliche Führer des nationalen und internationalen Sports neben ihrer eigentlichen beruflichen Tätigkeit zeitlich und nervlich gefordert werden. Ehrenamtliche Präsidenten und ihre Präsidiumskollegen agieren meist wie ihre Vorgänger vor Jahrzehnten, quasi als Mädchen für alles, ohne ausreichende Ausbildung für ihre sportspezifischen Management-Aufgaben und ohne quantitativ und qualitativ genügende Zuarbeit und Unterstützung. Wegen ihrer Berufstätigkeit können sie vor allem die Hauptamtlichen nur in unzureichendem Umfang orientieren und kontrollieren.
Zusätzlich überfordert werden Ehrenamtliche, wenn durch Skandale und Prozesse ihre Kapazität in ungewohnten Bereichen wie z. B. des Rechts oder der Medizin in Anspruch genommen wird. „Amateure" stehen dann Vollprofis gegenüber, darunter auch Betrugsprofis, die auf Grund ihrer finanziellen Möglichkeiten sich noch zusätzlichen Rat weiterer Profis aus anderen relevanten Bereichen wie der Justiz, Medizin oder der Sportwissenschaft einholen können. Noch weitergehend wird ihre Aufgabe dadurch erschwert, dass das Verbandsrecht nicht schnell genug weiterentwickelt wurde; selbst bei guten Absichten müssen sie die Grenzen ihrer Möglichkeiten erkennen. Hinzu kommt die Gefahr, dass ein einziger verlorener Prozess einen Verband finanziell ans Ende bringen kann. Vor diesem Hintergrund kann nicht verwundern, dass Funktionäre wie Baal oder Legeay sich als Dopingopfer ansehen:
„Es ist nicht der Radsport, der Doping verursacht, der Radsport ist ein Dopingopfer, alle seine Teile, die Funktionäre, verschiedenen Verbandsebenen und vor allem die sauberen Sportlerinnen und Sportler. Man macht es sich zu leicht, wenn man alle in den gleichen Sack steckt (L'Equipe, 3.11.2000)."
Sportmediziner sind die Spezialisten mit der größten Bedeutung im Spitzensport. Baal weist immer wieder auf die zentrale Rolle der Sportmedizin bei der Ausbreitung der Doping-Problematik hin:
... denn die beste Methode, Substanzen wie EPO oder Wachstumshormone effizient einzusetzen, ist eine ärztliche Betreuung auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnisse" (BAAL, in der „Tour", 2000, 46).
Diese Ansicht wird bestätigt durch Scherze bei der Tour, dass der Unterschied zwischen dem Gelben Trikot und dem 2. Platz von der Qualität des jeweiligen Arztes abhänge (BOURGAT 1999, 10). Da Funktionäre wohl teilweise vom Doping-Informationsfluss ausgeschlossen sind und zudem als medizinische Laien die sich entwickelnden Möglichkeiten und Probleme zu spät verstehen, sind sie überfordert. Baals Buch zeigt deutlich den hilflosen Versuch, medizinisches Spezialwissen (vor dem Hintergrund oft auseinander klaffender Expertenmeinungen) zu verstehen und in Impulse für die Dopingbekämpfung umzusetzen.
In Büchern wie jenen von VOET (1999), MENTHEOUR (1999), DE LIGNIÜRES (1999) oder BELLOCQ/BRESSAN (1991) wird die „Machtergreifung" der Sportmedizin belegt. Da der Wille der internationalen Verbände zur schnellen Regelentwicklung nicht gerade ausgeprägt zu sein scheint und die Ausarbeitung verlässlicher Nachweisverfahren für neue Substanzen sich schwierig gestaltet, bleibt Manipulateuren stets genügend Zeit, mit Neuem zu experimentieren. Während bei den offiziellen Medizinern der Verbände und möglicherweise auch der Profiradmannschaften noch gewisse Zugriffsmöglichkeiten bestehen, ist dies bei persönlichen Medizinern von Athleten (wie z.B. Conconi oder Ferrari), bei Vereins- und inoffiziellen Medizinern (wie z.B. im Radsport) nicht der Fall.
Manchen Sportmedizinern fehlt im Umgang mit der Dopingproblematik jegliches Unrechtsbewusstsein, wie z.B. dem Schweizer Dr. Blanc:
„Wenn ich den Hämatokritwert eines Sportlers auf 60 anhebe, bin ich nicht nur ein Betrüger, sondern ein Mörder. Wenn ich ihn von 45 bis zur erlaubten Grenze von 50 anhebe, ist das meiner Meinung nach Hilfe für den Sportler ... vorausgesetzt, das verschriebene Medikament ist nicht gefährlich" (La Liberte, Genf, 22.12.1998).
Ähnlich schätzt der ehemalige Rennstalleiter des PDM-Teams, Jan Gisbers, die Verwendung von Anabolika und Testosteron ein:
„Spitzensportler suchten nach extrem anstrengenden Leistungen eben nach Mitteln, die dem Körper regenerieren helfen ... Darum habe er persönlich Anabolika auch nie als verbotene Substanzen betrachtet. Er würde einen Fahrer nie entlassen, der der Einnahme eines derartigen Mittels überführt würde. Dies gelte allerdings nicht für Amphetamine, denn daran gingen die Sportler kaputt" (Neue Zürcher Zeitung, 6.1.2000).
Sportmediziner treten nicht nur als Verharmloser auf, nicht wenige verschreiben auch einen Medikamentenmix, der jeglicher Regel ärztlicher Kunst widerspricht. So verordnete der Festina-Arzt Eric Rijckaert ein Dutzend Medikamente, die vor allem mit EPO kombiniert wurden: Wachstumshormone, Kortikoide, Anabolika, Beta-Blocker, Blutverdünner, Antidepressiva, Koffein, Amphetamine, Barbiturate (Le Monde, 2. November 2000).
Der italienische EPO-Forscher Conconi, gegen den am 26. Oktober 2000 durch den Richter Soprani in Ferrara Anklage wegen Medikamentenmissbrauchs und Sportbetrugs erhoben wurde, war noch Ende 2000 Chefmediziner des Internationalen Radsportsverbands (UCI) und Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC. Der Fall Conconi zeigt die nationale und internationale Verstrickung zwischen Funktionären und Sportmedizin. Seit 1980 gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen dem italienischen Sportbund (CONI) und Conconi, der damals mit Blutdoping die italienische Leistungsfähigkeit im Ausdauerbereich zu steigern begann (vgl. SINGLER/TREUTLEIN 2000, Kap. 7.1). Bei einer Anti-Doping-Tagung des IOC in Lillehammer hielt er einen Vortrag zum Problem des Nachweises von EPO. Dazu hatte er angeblich 22 Amateursportlern EPO verabreicht; in Wirklichkeit handelte es sich aber um Spitzensportler wie die Radprofis Bugno, Fondriest und Chiapucci, die Goldmedaillengewinner im Skilanglauf bei den Olympischen Spielen 1994 Albarello, de Zsolt und Manuela di Centa, Marathonläufer und Kanuten (Süddeutsche Zeitung, 29.12.1999).
Als die staatliche Finanzierung seiner EPO-Forschung nachließ, wurde er von der Medizinischen Kommission des IOC subventioniert. Damit konnte er weitere Erkenntnisse zum optimalen Doping gewinnen, Fortschritte bei der Entwicklung eines Nachweisverfahrens gab es dagegen nicht. UIC und IOC störten sich offensichtlich nicht an der Ergebnislosigkeit seiner Forschung.
2.6 Schlussfolgerungen
Die Darstellung des Festinaskandals und des Profiradsports hat gezeigt, dass das ganze Milieu seit Jahrzehnten in die Dopingproblematik verstrickt ist. Eine Problemlösung durch bloße "Selbstreinigung" erscheint hier völlig undenkbar. Das Spitzensportsystem ist Lobbyist (für Spitzenleistungen) und Kontrolleur (in der Dopingproblematik). Eine Selbstreinigungskraft des Sports ist im internationalen Profiradsport ebenso wenig erkennbar wie in den meisten anderen Weltsportarten. Die Unkultur der Lüge und des Betrugs kann deshalb nicht ohne den Staat und ohne Skandalierung durch die Medien verändert werden, der organisierte Sport erweist sich hierfür schon beinahe zwangsläufig als unfähig. Da aber der Staat als Geldgeber selbst in die Doping-Problematik verstrickt ist, muss die Forderung gestellt werden nach
unabhängigen Instanzen: Eine Sportgerichtsbarkeit als unabhängige „dritte Gewalt" ist anzustreben. Es ist kaum sinnvoll, dass z.B. Kommissionen, die über Streitfälle zu entscheiden haben, ehemalige Verbandspräsidenten, Fachjournalisten (z. B. von „L'Equipe") oder Ausrichter einer Sportveranstaltung angehören wie im Fall der Berufungs-Kommission des französischen Radsportverbands, die über den Festina-Sportdirektor Roussel zu urteilen hatte (vgl. GUILLON/QUENET 2000, 66).
vorbeugenden Maßnahmen: Über Prävention kann versucht werden, eine bessere Zukunft des Sports vorzubereiten. Für die Prävention stellt sich aber das gleiche Problem der Unabhängigkeit: Wer soll die Ausbildung und wer die Ausbildung der Ausbilder übernehmen? Ehemalige Leistungssportler und unter Leistungsdruck stehende Trainer, Ärzte und Funktionäre sind dafür kaum geeignet. Wegen des Erfolgszwangs der Verbandsstrukturen müssen Aus- und Weiterbildung aus der Verbandsaufsicht herausgelöst werden; eine denkbare Möglichkeit wäre, staatliche Institutionen mit der Aufgabe zu betrauen und damit Aus- und Weiterbildung von Pressionen und Erwartungen eines manipulationsbereiten Spitzensports zu befreien.
Berücksichtigung der Komplexität des Dopingproblems: Prävention, die nur am als potentiell deviant angesehenen Individuum ansetzt, die strukturellen Zwänge aber nicht berücksichtigt, ist zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Prävention hat nur dann eine Chance, wenn sie komplexer Natur ist und auf allen Ebenen aktiv wird.
Dieser Artikel stammt von Andreas Singler / Gerhard Treutlein "Doping - von der Analyse zur Prävention"
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